Netflix ReutersOktober, 2010: Ein Teenager sitzt mit einer Wolldecke über den Kopf gezogen auf seinem Bett. Auf dem Schreibtisch dampft eine Tasse Tee. Die dritte des Tages. Draußen ist es warm, trotzdem bleibt das Mädchen lieber einen weiteren Tag zuhause, sind ja nur noch wenige Seiten. Sie erreicht das Ende der Seite und blättert um. Doch da ist nichts mehr. Die Seite ist leer. Sie klappt das Buch zu. Und fängt an zu schreien. Und mit ihr tausend andere Jugendliche, Kinder und Erwachsene. Die „Potterheads“ da draußen wissen genau was ich meine: Dieser Moment, wenn man die Harry Potter-Reihe beendet. Nach 8 Jahren ist die Wunde gerade so verheilt, manchmal zwickt es noch. An die, die sich nicht betroffen fühlen: LEST DIE BÜCHER!

Eine (gute) Buchreihe zu beenden, darum soll es in diesem Aufreger gehen. Am besten lässt sich dieses Gefühl mit einer Art identitätsfressenden Leere beschreiben. Man findet sich plötzlich in der beschissenen Realität wieder, der man eigentlich zu entkommen versucht hatte. Die Hauptfigur bedeutet einem mehr als die Hälfte der eigenen Familie; passiert einem Charakter was, müssen wir nicht mal so tun als ob wir traurig wären, weil wir es wirklich sind.

Man wird Teil eines Universums, einer komplett neuen, einzigartigen Welt. Und dann wird man auf einmal aus ihr herausgerissen. Als ob man Jahre seines Lebens darin investiert, ein kleines Baby groß zu ziehen und dann ist es erwachsen und verlässt das Nest mit einem lässigen „Peace“ plus Back Flip (Sorry Mami).

Nix Peace, man hat all seine Zeit und sein Herz gegeben und jetzt soll es vorbei sein? Nah.

Um den eher weniger literaturaffinen Lesern dieses Gefühl greifbarer zu machen, lässt sich dieses Phänomen auch auf ein anderes Medium übertragen:  Unser „All-Time Favorite“ Netflix. Netflix ist der Vorreiter unter den immer beliebter werdenden Streamingdiensten, was sich vermutlich auf das begehrte Serienangebot zurückführen lässt. Ob „Breaking Bad“, „House of Cards“ oder „Stranger Things“, jeder von uns musste schon mal die schmerzhafte Misere nach einem zehnstündigen Marathon spüren.

Diese Mischung aus Selbsthass und Leere, wenn man in dem schwarzen Bildschirm des Laptops blickt und sich selbst nicht erkennt. Nein, das sind keine Rosinen, sondern deine von Reizüberflutung missbrauchten Augen. Ja, das ist dein Doppelkinn an dem Chipsreste kleben und falsch, deine Haare sind nicht noch nass von der Dusche von vor drei Tagen, sondern einfach nur fettig.

Diese Lücke hinterlässt also nicht nur seelische Narben, sondern ebenso (wenn auch kurzfristig) physische Nachwirkungen. Dabei gilt: Je länger die Konsumdauer des Mediums, desto schwieriger der Abschied. Ob Buch oder Serie spielt hierbei keine Rolle. Taufen wir diesen Effekt, angesichts des Aussterbens von Büchern, die „Netflix-Void“ (engl.: Lücke). Ein wahrhaftig grausames Leiden der ersten Welt.

Übrigens: Mittlerweile bin ich über das Ende von Harry Potter hinweg... Wartet ein kleiner Teil von mir immer noch auf die Einladung nach Hogwarts? Ja. Würde ich eine Niere gegen eine Einladung tauschen? Absolut.

 

Text: Bailey Ojiodu-Ambrose

Bild: Reuters