Australien Paula BuschDisclaimer: „Lisa“ gilt hier als satirische Bezeichnung einer ganz bestimmten Personengruppe und ist somit nicht als persönlicher Angriff zu verstehen. Ihr seid toll, Lisas!

Reisen ist ne gute Sache. Wir alle wissen, welche Vorteile Reisen hat: Kulturellen Horizont erweitern, Abwechslung von seinem Alltag, seelische Auszeit, sich selbst finden. Gerade letzteres scheint in den vergangenen Jahren besonders an Bedeutung zugenommen zu haben. Junge Abiturienten, die die Tortur des Gymnasiums überstanden haben, sind nun bereit, sich dem Leben zu stellen.

Nach einer kleinen Pause selbstverständlich. Nehmen wir als klassisches Beispiel die gute, alte Lisa. Auch sie hat erfolgreich die Hochschulreife erlangt und lässt sich ihre hart erkämpfte 2,3 mit einem Auslandsjahr von ihrem stolzen Papi belohnen. Lisa ist nämlich endlich bereit, sich selbst zu finden und wo kann man das besser als mit tausend anderen deutschen „Travelernim Outback Australiens! Okay, vielleicht nicht direkt im Outback, da gibt es angeblich Wilde (pfui) aber Sydney oder so wird bestimmt nah genug dran sein, ist ja auch fast dasselbe, oder?

Ob Australien auch wirklich der richtige Ort für eine Suche nach seinem Ich ist? Klar, es ist allgemein bekannt, dass sich die spirituelle Mitte eines heutigen Jugendlichen zwischen „cuten“ Selfies mit einem Koala und Bikini-Fotos am Bondi Beach befindet, symbolisiert durch deine in der Luft zu einem Herz geformten Hände und dem Sonnenuntergang entgegen lächelnd.

Warum überhaupt eine andere Kultur kennenlernen, wenn man den Aussies seine eigene präsentieren kann: Lisa wird bestimmt genug junge Landsbrüder treffen, die ihr dabei helfen, indem sie im Vollsuff tatkräftig „Dicke Titten, Kartoffelsalat“ grölen. Und am Ende will sie eigentlich eh nur dieses berühmte Korallenriff sehen und ihr Englisch verbessern. Ja genau, danach weißt du bestimmt auf magische Weise wie es im Leben weitergehen soll, liebe Lisa. Und falls nicht kann man ja immer noch, rate mal: Irgendwas mit Medien studieren, richtig!

Wir haben es kapiert Lisa, du warst in Australien, das macht dich zu einem Freigeist, eine poetische Seele mit konstantem Fernweh. Die normale Welt reicht dir nicht aus, du wurdest dazu geboren, die Weiten der Erde zu entdecken und fröhlich „travel because yes“ zu posten.

Aber wer ist diese Lisa, die Opfer tausender Facebook-Witze plus eines wo-ist-eigentlich-lingen.de-Aufregers geworden ist? Der Name „Lisa“ und dessen neue Semantik ist wohl Zufall, ähnlich wie es bei „Kevin“, „Chantal“ und ganz früher „Horst“ und „Heini“ der Fall war. Unabhängig davon wissen wir alle wer gemeint ist:

Sie ist das Girl, was im Unterricht gerne mal auf Englisch mit ihrem „Sitzneighbour“ getratscht hat, aber nur flüsternd, damit der „teacher“ einen nicht „busted“. Sie ist das Girl, was dich nach einem Monat im Ausland bittet, nur noch auf Englisch zu schreiben, da ihr die deutschen Begriffe nicht mehr so schnell einfallen. Und wenn sie wieder da ist und du ihr davon berichtest, wie deine Wohnung abgebrannt ist und du jetzt obdachlos bist und nicht weißt was du tun sollst, dann ist sie für dich da und erzählt dir voller Mitgefühl wie „damals in Australien, 500 Meilen von Adelaide ein Buschfeuer ausgebrochen ist und sie WIRKLICH verstehen kann, wie du dich fühlst". Wir alle kennen sie, wir alle lieben sie.

In diesem Aufreger soll weder das Reisen noch Australien schlechtgemacht werden. Jedoch lässt sich nicht leugnen, dass a) auffällig viele Abiturienten ins Ausland wollen und b) mit hoher wahrscheinlich die Reise nach Australien oder Neuseeland geht. Das Auslandsjahr und der damit verbundene „Travel-Kult“ („alles was ich im Leben brauche ist Reisen“) ist mittlerweile nichts weiter als ein Trend, sowie Pali-Tücher oder der Harlem Shake es mal waren. Was schade ist, das Besuchen von fremden Ländern und Kulturen so viel mehr als ein paar neue Follower hergeben kann.

Das Problem ist nicht, dass viele Leute zu dem gleichen Ort fahren, wobei die „Krassheit“ der Erfahrung schon darunter leidet, dass man unter einer Vielzahl von Backpackern niemals wirklich alleine ist. Viel mehr geht es um die Auswirkung, die Trends nun mal auf die Dinge an sich haben: Sie verlieren an Wert. Auslandsaufenthalte sollten richtig genutzt werden; probiert euch aus, testet eure Grenzen und erlebt wirklich „krasse“ Dinge anstatt Stunden damit zu verschwenden, ein nettes Zitat für euren Travel-Blog zu finden.

Besondere Grüße gehen raus an alle, die bis jetzt zu arm sind, um sich ein Auslandsjahr zu leisten. Sieht dies als Ventil für euren heimlichen Neid und wisset: Auch in Deutschland gibt es nette Ecken, die einem fremde Seiten seiner Selbst offenbaren (persönliche Empfehlung: Berlin-Neukölln).

 

Text: Bailey Ojiodu-Ambrose

Bild: Paula Busch