ZuggeflsterDer Zug. Leute starren aus dem Fenster, bewundern die vorbeiziehende Natur und sinnieren so über dies und das. Der Zug. Reiht sich ein in die Liste der alltäglichen Orte, an denen ich ungestört meine Gedanken schweifen und meine Seele baumeln lassen kann: Dusche, Klo, Bett. Mit einer Einschränkung. Ich kann mich nicht erinnern, wann das letzte Mal in meiner Dusche ein junges Pärchen neben mir saß, das sich lautstark, halb lachend, halb nörgelnd, über ihre Beziehungsprobleme unterhalten hat.

„Ich dachte, die war nicht da! Du hast gesagt, die war nicht da!“ – „Doch, die war da.“ Großartig. Ich dachte immer, öffentlich einsehbare Pinnwand-Unterhaltungen dieser Art auf Facebook wären schon der Gipfel der Schamlosigkeit, aber ich wurde eines besseren belehrt. „Ich hab dich doch extra gefragt, ob die da war, und du meintest nein“ – „Aber Schatz, guck mal wie du da drauf warst. Da wärst du doch ausgerastet, wenn ich es dir gesagt hätte.“ Gutes Argument, 1:0 für den Jungen.

Zwischendrin versucht er immer wieder, das Gespräch zu beenden, indem er ihr seine Lippen aufs Gesicht drückt und dabei schrill kichert. Ein wirklich komisches Bild. Ich könnte fast lachen, würde das Ganze nicht einen Meter neben mir und für das ganze Abteil hörbar stattfinden.

„Triff dich nicht mehr mit der. Kein Kontakt mehr.“ Als Antwort kommen von dem Herrn nur wieder das kuriose Gekicher und einige Schmatzer. „Ich mein‘s ernst!“ – „Ja, Schatz.“ – „Aber nicht mit ihr schreiben, und dann alles löschen, dass ich das nicht mehr sehen kann.“ Er kichert, sie fährt fort: „Wenn ich rausfinde, dass du das machst, dann klatsch ich dir eine. Und ich krieg alles raus, das weißt du mittlerweile, ne?“

Wenn man bei der Unterhaltung wenigstens das Gefühl kriegen könnte, dass es ihr wirklich wichtig ist, und ihre Beziehung an der mehrmals Erwähnten zu scheitern droht… Ja, dann könnte ich es vielleicht sogar verstehen, dass sie ihre Stimme erhebt, und das Abteil es wohl oder übel mithören muss. Aber wenn die beiden im nächsten Moment wieder anfangen zu kichern, er das Liedchen „Baby“ von Justin Bieber anstimmt, und sie sich darüber herzlich amüsiert… Also das geht ja schon über peinlich hinaus, ich habe mich selten so fremdgeschämt. Ich möchte nur noch weg. Auch der obligatorische Blick aus dem Fenster kann mir nicht helfen, die beiden bedienen sich großzügig an meiner Aufmerksamkeit.

20 Minuten gemeinsame Fahrtzeit kommen mir vor wie eine Ewigkeit. Eine Woge der Erleichterung überkommt mich, als die beiden Nervensägen aussteigen, ihre Stimmen leiser werden und schließlich ganz verstummen, als die Türen schließen. Endlich Stille. Endlich Ruhe. Endlich Frieden. Ich wusste eine ruhige Zugfahrt nie so zu schätzen wie heute. Man weiß eben erst, was man hat, wenn es einem genommen wird.


Text/Foto: Joshua Meszar