insta linaMakellos, unkompliziert, abwechslungsreich, voller Erlebnisse - das Leben der Instagramer, Blogger und Influencer scheint perfekt zu sein. Oft ist diese Darstellung aber nur Fassade und führt dazu, dass das Leben auf Facebook, Instagram, Snapchat und co. anders aussieht und nur Ausschnitte aus der Wirklichkeit zeigt. Das führt dazu, dass wir uns die Frage stellen: Was ist echt? Was entspricht von davon wirklich der Offline-Identität?

Selbstinszenierung, das Erschaffen von Online- und Offline-Identitäten und Aufmerksamkeitssuche beginnen bereits im Kleinen zum Beispiel damit, dass wir unser Essen schön anrichten, um es fotografieren zu können und schaukeln sich immer weiter hoch. Aber man muss da ja nicht mitmachen?! Keiner gibt vor, dass wir bei den sozialen Netzwerken angemeldet sein müssen. Alles ist freiwillig, oder nicht? Dennoch haben wir das Gefühl, ständig etwas zu verpassen und nicht mitreden zu können, wenn wir nicht regelmäßig die Apps checken, um zu sehen was es Neues gibt.

Der Grund dafür ist, dass die Übergänge zwischen online und offline fließend sind. Im offline Leben passen wir uns situationsbeding

t in Anwesenheit von Familie, Freunden oder Arbeitgebern der Umgebung an. Auch hier sind die Übergänge fließend, der Wechsel erfolgt automatisch ohne, dass wir darüber nachdenken. Wir sind ein und die selbe P

erson, nur die Perspektive verändert sich. Es ist eine andere Rolle, in der sich lediglich die Prioritäten verschieben. Online fällt diese Möglichkeit weg, sich bestimmten Situationen anzupassen. Es gibt nur ein Bild, das für alle gleich ist.

Ist das der Grund, weshalb man sich (unbewusst?) ein Online-Ich erschafft? Denn im Internet haben wir, anders als im realen Leben, die Kontrolle über die Selbstdarstellung. Aufnahme-Blickwinkel, beliebig viele Versuche, ein Foto zu schießen, Nachbearbeitung – das Ergebnis ist ein idealisiertes Abbild, das nicht die Realität darstellt. Was nicht ins Ideal passt, wird nicht verwendet.

Was ist also Schein und was Sein? Ist das ein Spiel von unterschiedlichen Identitäten?

Das führt zu der Frage meiner Überschrift: Wer bin ich – und wenn ja wie viele? Oder auch: Wie digitalisiere ich mich selbst?

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Wir alle sind Selbstdarsteller, Schauspieler im eigenen Leben, für das wir das Regiebuch schreiben. Das Verhältnis von Wahrheit und Beschönigung können wir dabei selbst flexibel gestalten. Mit Hilfe von allen möglichen Apps kreieren wir Spiegelbilder von uns, Wunschbilder. Dieses Bild entspricht nicht mehr dem Menschen, der wir wirklich sind. Wir beeinflussen und bestimmen ganz gezielt, wie wir auf die Öffentlichkeit wirken wollen, indem wir steuern, was wir zeigen wollen.

Wir steuern die Interaktion unseres Online-Ichs mit der Außenwelt, indem wir einen Filter zwischen Realität uns Fremdwahrnehmung setzen.

Warum machen wir das? Menschen, die uns kennen und uns Nahe stehen, muss das doch auffallen? Die Illusion muss über einen längeren Zeitraum so perfekt sein, dass niemand einen Blick hinter die Maske werfen kann.

Geht es uns vielleicht aus psychologischer Sicht darum, Erinnerungen an uns bereits im Vorfeld zu beeinflussen, ein Denkmal von uns zu formen? Denn Online-Spuren überdauern uns immerhin.

Wir wissen auch, dass es einfacher ist, jemanden über soziale Netzwerke zu suchen, als n der Offline-Welt. Das kennt jeder – wir sehen jemanden, den wir sympathisch finden in der Mensa und im gleichen Moment werden die Freunde auch schon zu FBI-Mitarbeitern und geben ihr Bestes, um diese Person online zu finden. Sichern wir uns also ab?

Wenn die Definition des Ichs aber nur über Momente des Glanzes geschieht, liefern wir am Ende ein verzerrtes Bild, das zu Enttäuschungen führt. Vor allem bei demjenigen, der uns mit stalkerähnlichen Fähigkeiten gefunden hat, aber auch bei uns selber.

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Der Nebeneffekt dieser Selbstinszenierung ist die Frage, ob wir uns nicht selber irgendwann etwas vormachen. Halte ich mich für jemanden, der ich gar nicht bin?

Um mich zu definieren, muss ich mich nicht durch die Augen anderer betrachten und mein Verhalten ihrer Reaktionen in den sozialen Netzwerken anpassen, denn die Gefahr dabei ist, dass wir in unserer Eigenkreation gefangen sind. Und dann hilft vielleicht nur noch der Ausstieg wie bei dem Instagram-Model Essena O’Neill. Die junge Australierin hat das Business dieser Welt hinterfragt, sich Gedanken darüber gemacht, wieso wir uns wie darstellen und was damit überhaupt unsere Message ist. „Social media is not real life.“ – mit diesem Satz hat sie ihre Karriere letztendlich beendet und erklärt, dass sie die Selbstinszenierung auf Instagram nicht mehr unterstützt und ihr entgegenwirken möchte.

 

Wir sollten alle regelmäßig solche „reality checks“ wie Essena ausführen und hinterfragen, was wir da überhaupt machen, denn Authentizität ist heute immer seltener und dafür eine umso wichtigere Ressource. Unser Online-Ich bedingt auch immer irgendwie unser Offline-Ich. Sollte das nicht aber eigentlich umgekehrt sein? Wenn wir Situationen und Emotionen nur noch für unsere Instagram-Follower, Snapchat-Community und Facebook-Freunde kreieren, werden wir zum Statisten unseres eigenen Lebens. Dabei wollen wir doch eigentlich nur die Hauptrolle spielen.

 

 

Text und Bilder: Lina Dostal