9.11 Uhr. Nicht das Klingeln meines Weckers, sondern das regelmäßige „Pling“ meines Handys lässt mich die Augen aufschlagen. Es gibt keinen verlässlicheren Weckdienst als die Kommilitonen eines „KoMa“-Studenten. Aus meinem ganz eigenen Koma bin ich also inzwischen erwacht und schon jetzt kann ich nicht mehr vor meinem Studium fliehen: Kommunikation.

Die kleine Zahl am Whatsapp-Button ist dreistellig und in der Facebook, Twitter und Mail-App hat sich auch einiges getan. Es wird Zeit für ein Social Media Update. Nachdem ich mich durch meine Gruppenchats und Benachrichtigungen gekämpft habe, bin ich um 15 9GAG-Bilder und drei wichtige Fakten reicher: ln der Seminargruppe 1 scheitert gerade die Präsentation einer Kommilitonin am überhitzten Beamer, die Hausaufgabe muss bis um 12 Uhr ausgedruckt abgegeben werden (#PANIK) und alle sind herzlich irgendwo zur nächsten WG-Party eingeladen.
Nachdem ich mich 20 Minuten langkomastudent groß auf den neuesten Stand der Dinge gebracht habe, stehe ich langsam auf und widme mich den Ereignissen in der großen weiten Welt.
Beim Frühstück blättere ich die Zeitung durch und überfliege die Schlagzeilen im Politik-, Wirtschafts- und Weltspiegel. Das ist wichtig, um später mit taufrischem Halbwissen zu punkten. Die Artikel lese ich natürlich nicht alle, dafür habe ich den Liveticker der Tagesschau und Spiegel-App.
Huch, schon so spät! Jetzt aber aufs Rad und los zur Hochschule!

10.00 Uhr. Schnell ins KB-Gebäude eilen, mit dem Aufzug in den ersten Stock fahren und in den Seminarraum huschen. Mist, bin natürlich spät dran und darf in der ersten Reihe sitzen. Ich fahre den PC hoch und schaue noch eben in meinen Newsapps, welche Top-Themen in den Medien sind.
Was steht heute sonst noch an? Referate hören, was sonst. Nach knapp eineinhalb Stunden wurde ich über schwere Krankheiten wie Adjektivitis aufgeklärt und weiß nun, wie eine Pressemitteilung nicht auszusehen hat. Sehr hilfreich, denn ich darf jetzt selbst eine solche verfassen. Wann nutze ich nochmal das Passiv? Welche Info ist wichtig und was lasse ich lieber weg? Mist, schon wieder einen höchst komplizierten Schachtelsatz formuliert, den ich sofort wieder streiche. Hauptsätze, Lena, Hauptsätze! Es ist tatsächliche eine richtige Wissenschaft, eine einfache 5-zeilige Meldung zu schreiben.

12.15 Uhr. In der Mensa denke ich mir immer wieder, dass die Namen unserer Gerichte in ein 5-Sterne-Restaurant gehören. Was zur Hölle ist „Kolibri-Salat“ und die Bezeichnung „Brasilianischer Feuertopf“ klingt auch eher kryptisch. Wieder werde ich an mein Studium erinnert: Hier wird unser durchaus leckeres Mensaessen als fantasievoller Gaumenschmauß verkauft. Ein klarer Fall von etwas übertriebenem Productnaming. Ich identifiziere den Feuertopf als Bohneneintopf mit Paprika, Hackfleisch und anderen Gemüseresten von gestern und bin nach kurzer Bedenkzeit überzeugt.
Am Tisch wird über neue Twitter-Follower diskutiert und die Argumentationsstrategie und Rhetorik der Leute am Nachbartisch analysiert. #interessensvertretungwillgelerntsein

14.00 Uhr. Der CampusRadio-Beitrag muss aufgenommen werden. Mit dem Mikrofon in der Hand schlendere ich mit meinem Projektpartner durch die Innenstadt und suche potentielle Interviewopfer. Es ist erstaunlich, welche Umwege Passanten auf sich nehmen, um einem Reporter aus dem Weg zu gehen. Aber es gibt auch geschwätzigere Exemplare, die mit einem ewig langen Monolog theoretisch schon das Zeitfenster unseres ganzen Beitrags füllen.
Nun folgt die eigentliche Mammutaufgabe:  Alles zusammenschneiden. Dabei spielen wir 90% der Zeit mit dem Tonprogramm herum, zaubern lustige Micky-Mouse-Stimmen, üben uns im Dialekt-Imitieren und lachen darüber, wie albern man sich selbst eigentlich anhört. 

20.00 Uhr. Endlich ist der Beitrag fertig. Ab nach Hause und das Sofa wärmen. Twitter nervt schon wieder: „German House Bunnies“ folgt dir jetzt. Na prima, sehr seriös.
Ich kann mich beim Blockbuster schauen kaum konzentrieren, überall Product Placement. Warum fahren die reichen Leute in den Hollywoodstreifen ausgerechnet einen Audi? Wieviel Geld ist da wohl geflossen? Ich schalte lieber um und schaue wie der Mann, der jede noch so blöde Idee zu Geld macht, von einer Kieferchirurgin geschlagen wird. Moment mal,  war das gerade Schleichwerbung? Fernsehen wird mir langsam zu anstrengend. Inzwischen herrscht in der Social-Media-Landschaft wieder Rush Hour. An jeder Ecke gibt es Neuigkeiten und im Sinne meines Studiums muss ich da auf jeden Fall den Überblick behalten. Ich lege gerade mein Handy zur Seite um mich Schlafen zu legen, da rauscht meine Google Alerts Benachrichtigung auf den Sperrbildschirm. Es gibt fünf neue Artikel zum Stichwort XY. Ich beobachte insgesamt sieben verschiedene Stichworte. Ihr könnt euch denken, da kommt einiges zusammen. Also immer noch kein Feierabend in Sicht. Monitoring ist wichtig, habe ich gelernt. 

23.12 Uhr. Fünf Minuten ohne eine neue Benachrichtigung auf meinemkomastudent apps groß Handy. Jetzt sollte ich langsam schlafen, damit ich morgen wieder frisch in die Welt von PR, Medien und Co. eintauchen kann. Naja, eigentlich taucht man ja so gut wie nie aus dieser Welt auf. Ich merke wieder, wie sehr ich von meinem Studium umgeben bin. Es beruhigt mich, dass ich immer mehr verstehe, wie diese allgegenwärtige Branche funktioniert. Man fühlt sich langsam besser gewappnet gegen die Medienflut.
Jetzt aber Augen zu und daran denken: Ich liebe Kommunikation.

Text/Bilder: Lena Santel