AbiturEin Jahr ist mittlerweile vergangen

Mein Abitur habe ich zwar erfolgreich hinter mich gebracht, aber wenn ich darüber nachdenke, habe ich das Gelernte auch schon wieder erfolgreich vergessen.
Was war nochmal der Unterschied zwischen Mitose und Meiose? Welche typischen Merkmale haben romantische Gedichte und in welchem Jahr war nochmal dieser verflixte Wiener Kongress?
Zu all diesen Fragen konnte ich im vergangenen Jahr noch ganze Epochen herunterbeten und die Auslöser und Folgen des Kongresses bis ins kleinste Detail aufsagen.
Tage und Nächte habe ich an meinem Schreibtisch gesessen. Runde für Runde bin ich um den Küchentisch gelaufen, um mir all diese Dinge beim Gehen einzuprägen. Nur wofür?
Bereits nach einem Jahr, kann ich mich kaum noch erinnern. Und sicher bin ich kein Einzelfall…
Aber warum ist das so? Warum vergisst man all diese Dinge wieder, obwohl sie für die Prüfung doch so wichtig waren?                                                                               

Die Antwort lautet: „weil sie für die Abiturprüfung wichtig waren“. Aber leider auch nur dafür.
Fakt ist: Man kann dieses Wissen im täglichen Leben nur äußerst selten gebrauchen. Zu wissen wie eine Pflanzenzelle aufgebaut ist, hilft leider nicht dabei, eine Waschmaschine richtig zu bedienen.
Und woher weiß man, ob man bei dem neuen Vertrag nicht über den Tisch gezogen wird? Darauf gibt es weder in Thomas Manns „Die Buddenbrooks“ noch im Mathebuch eine Antwort. 
Und da uns das Wissen aus der Schule leider wenig weiterhilft, vergessen wir es wieder.

Nice-to-know  vs.  Wirklich wichtig

Sicher ist es schön und gut, von all dem, was man dort lernt, einen Überblick zu bekommen. Aber wird dafür nicht viel zu viel Zeit verwendet? Es steht außer Frage, dass die Dinge, die man in der Schule lernt, zur deutschen Geschichte und Kultur gehören. Es schadet auch nicht, von Matrizen, chemischen Formeln oder Shakespeare gehört zu haben. Aber meiner Meinung nach kann es dabei bleiben. Stundenlanges lernen für Prüfungen ist zu viel!

Warum wird in der Schule nicht viel mehr Wert darauf gelegt, lebensnahe und –praktische Dinge zu vermitteln? Warum lernt man in der Schule nicht kleinschrittig einzelne Parteien kennen, um sich eine vernünftige und fundierte Meinung bilden zu können? Dann müsste man nicht kurz vor der Wahl den Wahl-O-Mat um Hilfe fragen. Wieso wird mir dort nicht beigebracht, wie man Überweisungen tätigt, oder was man bei Wohnungsverträge und Versicherungen beachten muss? Man könnte auch viel länger über Grammatikregeln, die Grundrechenarten in Mathematik oder die sichere Bedienung von Computerprogrammen wie Windows oder Excel sprechen. Auch tagesaktuelle Geschehnisse und ihre Zusammenhänge wären sinnvoll oder der Umgang mit anderen Menschen und Knigge-Benimm-Regeln. All das sind Dinge, die man im Leben braucht und daher beherrschen sollte.
Gegenargumente wie: „Das sollen die Kinder von ihren Eltern lernen“ oder „darüber lassen sich keine Prüfungen schreiben“  lassen sich einfach entkräften:
Abgesehen von den Umständen, dass Eltern häufig die Zeit fehlt, verzweifelt selbst so mancher Elternteil bei der Steuererklärung. Und auch zu aktuellen und praktischen Themen kann man ausgedehnte Prüfungen schreiben und absolvieren. Und ich wage es zu behaupten:
Dann würde man endlich fürs Leben lernen und nicht nur für die nächste Prüfung!

Text/Bild: Jule Wagener