Was zieh ich an...Mein Kleiderschrank ist voll. Vielleicht sogar etwas zu voll. So würden es jedenfalls meine Freunde beschreiben. Alle sehen das so. Alle außer mir. Ich habe das Gefühl, ich stehe vor einem Regal voller Altlasten, Frustkäufen und peinlichen Trendteilen. Nichts lässt sich untereinander kombinieren – und schon gar nicht morgens früh, wenn es wirklich drauf ankommt. Zu den gut organisierten Menschen, die sich bereits abends die Outfits für den nächsten Tag zusammenstellen gehöre ich leider nicht. Ich habe es mal versucht – doch morgens gefielen mir die zusammengelegten Sachen schon nicht mehr und ich hatte letztendlich die doppelte Arbeit.

Aus sicherer Quelle weiß ich, dass es mindesten 80 Prozent meiner Freundinnen ebenfalls so geht. Ich bin also - Gott sei Dank - kein Einzelfall. Von Jungs hingegen kassiere ich immer nur eine hochgezogene Augenbraue, wenn ich meinen Grund für ein erneutes Zuspätkommen vortrage. Ja, ich weiß – das klingt verrückt. Aber mal ehrlich: niemand verlässt gerne das Haus, wenn er sich nicht wohl fühlt. Dafür ist es wie ein kleiner Erfolg, wenn man das Chaos seines Kleiderschranks schlussendlich besiegt hat und das Haus in etwas verlässt, was einem wirklich gefällt.

Um diesem Erfolg möglichst nahe zu kommen, schlagen wir Mädels uns stundenlang durch rappelvolle Fußgängerzonen, laufen wie ferngesteuert durch Kaufhäuser und stehen mit einer engelsgleichen Geduld an endlos langen Warteschlangen vor den Kassen, nur um dieses eine ganz besondere Teil zu ergattern. Da sind Onlineshops eine unglaubliche Bereicherung. Sie haben uns das Leben bereits um einiges erleichtert – aber sie ordnen leider nicht den Kleiderschrank oder legen einem die Sachen raus, wie Mama das früher gemacht hat. Schade eigentlich.

Also bleibt nichts Anderes übrig, als selbst aktiv zu werden. In der Hektik der morgendlichen Kleidersuche verfällt man meist in altbekannte Muster – Jeans, Turnschuhe, T-Shirt – fertig. Ist auf jeden Fall immer eine sichere Wahl. Aber das ausgefallene Top oder die weit geschnittene Hose, die im Laden noch so gut aussahen, dass sie unbedingt auch im heimischen Kleiderschrank zu finden sein sollten? Die bleiben meist hängen. Weil zu schwierig, weil keine Idee was dazu passt, weil nicht genug Zeit, das fix auszuprobieren.

Ich gehe das Ganze jetzt anders an – dann, wenn ich wahlweise nichts Anderes zu tun habe, oder mich vor dem Lernen drücken will, setze ich mich vor meinen Schrank und ziehe die Teile raus, die aufgrund der morgendlichen Hektik leider viel zu selten das Tageslicht sehen. Ich bastel ein bisschen drumrum und wenn ich dann zufrieden bin, mache ich ein Foto. Albern, ich weiß. Aber für den Fall der absoluten Ratlosigkeit bin ich so besser vorbereitet und erspare mir einiges an morgendlichem Stress – so startet der Tag doch gleich viel besser.

 

Text/Bild: Charlotte Wiese