Ich habe es noch einmal gewagt. Eine Fahrt quer durch Deutschland und das mit der Deutschen Bahn. Ich habe mich vor ein paar Wochen, als die Zugtickets für einen Studenten noch bezahlbar waren, dazu entschlossen, es noch einmal mit meinem besten Freund, der DB, zu versuchen.

Bahnhof

Meine Fahrt beginnt um 6:41 Uhr in der Frühe, nachdem ich meine Mutter um 6:12 Uhr endlich aus dem Bett bekommen habe. Noch nicht mal annähernd alleine stehe ich dann doch noch pünktlich am Bahnsteig. Der Zug fährt pünktlich ein und alles läuft wie am Schnürchen. Die erste Etappe auf meiner sechs bis sieben stündigen Fahrt ist überstanden. Am Rande bemerkt: Wäre der Zug noch ein bisschen älter, würde er in dem nächsten Eisenbahnmuseum stehen. Wobei ich sagen muss, diese alten Waggons sind meiner Ansicht nach sogar komfortabler, als so manch neue. Die Sitze sind gefedert, wie bei alten Betten, in denen man als Kind gerne herumgesprungen ist. Die Gepäckablage ist so groß, dass sogar ein vollgestopfter kleiner und ein mittelgroßer Koffer darin Platz finden. Es gibt genug Platz für alle, da die Bussines-People die Komfort-Klasse bevorzugen ;). Das einzig negative, was mir vorläufig nach ein paar Minuten klar wird: Das nächst zu erreichende Klo ist außer Betrieb, ‚not in use’, und einige Waggons sind mit gelben Zetteln bestückt, welche den Zuggast darauf aufmerksam machen sollen, dass diese Türen leider nicht benutzt werden können. Eine Lautsprecherdurchsage am nächsten Bahnhof erklärt dies auch den ganzen Schülern, die auf ihrem Weg zur Schule sind. Der Schaffner versucht den Schülern über die Lautsprecher klar zu machen, dass sie zwar die Hälfte der Türen in diesem Zug nicht benutzen können, sich aber dennoch beim Aussteigen gefälligst zu sputen haben. Nachdem die Schüler beschlossen haben, der Aufforderung des Schaffners nachzukommen, verläuft die Zugfahrt, bis auf nicht erwähnenswerte 5 Minuten Verspätung (ich mein es ist die Deutsche Bahn, was erwarten wir :D ), bis zu meinem Zwischenziel „Würzburg Hbf“ fast wie geplant.

In Würzburg wartet schon mein ICE. Beinahe überkommt mich ein Anflug von Übermut, jedoch wird dieser durch meinen Sprint quer durch die Menschenmassen und die Treppen rauf und runter ein wenig gehemmt. Aber ich bin rechtzeitig im Zug und habe noch genug Zeit, mir meinen Weg zum lang ersehnten ICE Klo zu bahnen. Nachdem ich auch einen Spitzplatz gefunden habe, der noch nicht reserviert wurde, man ist ja schließlich immer noch Student, kann ich es mir nun endlich bis Rheine bequem machen. Das gemütliche Treiben im Zug beruhigt mich nach und nach von der vorherigen Aufregung. Schaffner, die entspannt durch den Zug hetzen. Ein Kaffeemensch verkauft den Mitreisenden um mich herum heißen Kaffee. Leises Gemurmel, das langsam etwas hektischer und lauter wird, lässt die umliegenden Sitznachbarn aufmerksam zuhören. Hier und da wurden ein paar Sitze doppelt verbucht. Aber auch die leise aufgeregte Diskussion findet schnell, nachdem sich die Reisenden geeinigt haben, ein Ende. Weiter Hinten im Zug liest eine Mutter ihrem Kind eine Geschichte vor und ab und zu wird man von Vorbeistreifenden wieder aus dem Halbschlaf geweckt.

Die nächste Durchsage lässt die in Trance geratenen Gäste in einem unruhigen Wachschlaf zurück: Der Zug hat momentan NUR 5 Minuten Verspätung. Ich schnaufe tief durch und denke mir: 'Wenn es so bleibt schaffe ich den Anschluss gerade noch so, vorausgesetzt ich renne.' Aber mein tiefverwurzeltes Vertrauen in die Deutsche Bahn lässt mich, wie die anderen Bahngäste, in Ruhe weiterschlafen. Die zweite Durchsage ‚entspannt’ auch das letzte unruhige Gemüt: Der Zug hat inzwischen sieben Minuten Verspätung. Alle seufzen auf, jetzt weiß zumindest jeder, dass die Wahrscheinlichkeit, den Anschlusszug noch zu erreichen langsam gegen Null geht. Ich vertiefe mich wieder in meinen Nikolas Sparks Liebesroman, da ich feststellen muss, dass dieser im Moment weitaus aufregender ist, als die Ereignisse um mich herum. Die Landschaft fliegt nur so an mir vorbei und ich lasse das immer schlechter werdende Wetter auf mich wirken, während meine Mutter mir von dem strahlend blauen Himmel erzählt, welchen ich großzügiger Weise zu Hause gelassen habe.

Bahnhofanzeige

Ächzend und quietschend schleicht der ICE in einen Bahnhof nach dem anderen ein. Doch nach und nach kann überraschenderweise festgestellt werden, dass der Zug wieder ein paar Minuten gut gemacht hat. Fast pünktlich sprintet der Zug aus dem letzten Bahnhof vor Hannover. Beinahe erleichtert stellen die Fahrgäste nun allmählich fest, dass sie doch pünktlich sein werden. Jeder kennt diesen Moment: Man hat den Bahnhof schon fast erreicht, doch kurz vorher bleibt der Zug noch einmal stehen, die Spannung muss ja hoch gehalten werden. Diese Möglichkeit nutzen die Fahrgäste gleich, um schon einmal in die Startlöcher zu rutschen und langsam Schwung zu holen damit in einem entspannenden Sprint der Anschluss noch erreicht wird.

Mit stressiger Leichtigkeit finde ich im schon fast wartenden Zug einen freien Sitzplatz.
Kurz nach dem Start des vorletzten Zuges, von Hannover nach Rheine, erwartet mich sogleich um 11.30 Uhr eine neue Durchsage: „Aufgrund eines Unfalls auf den Gleisen sind wir hier in Löhne außerplanmäßig zum Halten gekommen. Unsere Weiterfahrt wird sich um EINIGE wenige Minuten verzögern. Der Unfall befindet sich zwischen Osnabrück und Rheine auf dem Bahnübergang. Der Zug wird noch bis nach Osnabrück weiterfahren. In Osnabrück warten wir auf weitere Informationen." Mit einer Verspätung von etwa 20 Minuten erreichen wir nun endlich den Osnabrücker Hauptbahnhof. Das Ziel Lingen liegt in zeitlich unbestimmter Entfernung.

Nach den Strapazen, etlichen Minuten Verspätung und einigen Schweißausbrüchen habe ich dann schließlich den Lingener Bahnhof erreicht.
Mein Fazit: Das nächste Mal muss doch wieder die grüne Konkurrenz auf vier Rädern herhalten.

 

Text: Maria Lang

Bild: Lena Höckerschmidt