Rezension: Türkisch für Anfänger

Die Serie Türkisch für Anfänger ist in vielerlei Hinsicht ein bemerkenswertes Stück deutsche Fernsehgeschichte. Sie verbindet Comedy mit gesellschaftlicher Beobachtung und macht die kulturellen Spannungen einer patchworkartigen deutsch-türkischen Familienkonstellation für ein breites Publikum zugänglich. Die Serie ist dem Genre der Ethno-Comedy und Familienserie zuzuordnen. Sie besteht aus 52 Folgen (á 25 Minuten) verteilt auf drei Staffeln und wurde im Zeitraum 2006 – 2008 in der ARD erstausgestrahlt. Türkisch für Anfänger ist nicht nur unterhaltsam, sondern thematisiert Migration, Identität, Religion, Pubertät und familiäre Rollenbilder, wie es insbesondere für Serien an ein jugendliches Publikum selten ist.


Die Özturk-Schneiders

Lena Schneider

Die Serie wird aus Lenas Perspektive erzählt. Lena Schneider ist zu Beginn der Serie 16 Jahre und ist von den Plänen ihrer Mutter in einer deutsch-türkischen Patchworkfamilie zu leben alles andere als begeistert. Im Laufe der Serie wird Sie jedoch offener und reifer.

Doris Schneider

Lenas Mutter Doris hingegen versucht mit aller Macht die beiden Familien zu vereinen. Besonders herausfordernd für sie, ist der Spagat zwischen den Rollenbildern einer Mutter ihrer (Stief-) Kinder denen sie gerecht werden möchte. Dieser Konflikt zeigt sich auch in ihrem Dasein als Ehefrau und Therapeuten, worin sie häufig einen Widerspruch verspürt. Mit ihrer offenen Art gelingt es ihr trotzdem immer wieder die Patchworkfamilie zusammenzuhalten.

Nils Schneider

Der Kleber der Familie ist Nils. Nils wirkt wie der Fels in der Brandung von allen. Er ist Lenas jüngerer Bruder und stellt schnell sein hohes Maß an akademischer und zwischenmenschlicher Intelligenz früh unter Beweis. „Nille“ ist die Anlaufstelle für Doris und Lena und tritt selten mit eigenen Themen Erscheinung.

Metin Öztürk

Auch der Partner von Doris, Metin hat mit den Erwartungen seiner Kinder zu kämpfen. Während sein Sohn Cem enttäuscht vom Dasein seines Vaters als gut integrierter Polizist ist und seine Tochter von ihm erwartet ihre (verstorbene) Mutter immer über Doris zu setzen, lehnt ihn Lena kategorisch ab. Er legt großen Wert auf Ordnung und Zusammenhalt. Seine Beziehung zu Doris bildet das Fundament der Familie.

Cem Öztürk

Cem ist Metins Sohn und zu Beginn der Serie ein typischer Macho. Er wirkt selbstbewusst, cool und provoziert Lena regelmäßig. Hinter seiner harten Fassade steckt jedoch ein sensibler und unsicherer junger Mann. Im Laufe der Handlung entwickelt er sich stark weiter und zeigt immer mehr Verantwortung und Gefühle.

Yagmur Öztürk

Yagmur ist Cems Schwester und eine sehr religiöse Muslimin. Sie ist ruhig, höflich und hält sich konsequent an ihre Glaubensgrundsätze. Dadurch gerät sie oft in Konflikt mit ihrem Umfeld und ihrer Umwelt. Im Laufe der Serie entwickelt sie sich jedoch aufgrund dieser Auseinandersetzung mit sich selbst und ihrem Glauben weiter wie kein anderer Charakter in der Serie.


Stärken der Serie

Integration

Besonders positiv fällt die kulturelle Bedeutung der Serie ins Gewicht. Türkisch für Anfänger macht auf humorvolle Weise sichtbar, wie unterschiedlich Lebensentwürfe, Traditionen und Erwartungen aufeinandertreffen können, ohne dass daraus nur Konflikt oder Klischee entsteht. Dass diese Auseinandersetzung einem Massenpublikum nähergebracht wurde, ist ein wichtiger Beitrag zur deutschen Popkultur. Die Serie hatte damit eine integrative Funktion, weil sie kulturelle Unterschiede nicht bloß ausgestellt, sondern in einen erzählerischen Alltag übersetzt hat, der für viele Zuschauer anschlussfähig war.

Glauben

Yagmurs Auseinandersetzung mit ihrem Glauben ist eine der interessantesten Facetten der Serie. Ihre Figur wirkt nicht eindimensional religiös, sondern ringt spürbar mit den Fragen, wie Glaube und persönliche Freiheit zusammenpassen. Ihr innerer Konflikt ist von Beginn an spürbar, ihre Entwicklung, umso beeindruckender. Damit gelingt der Serie in diesem Punkt eine differenzierte Figurengestaltung, die man in einer Comedy dieser Art nicht unbedingt erwartet. Besonders spannend sind in der ersten Staffel die krassen Gegensätze zu Lena und die daraus resultierenden Probleme der beiden heranwachsenden Frauen.

Echte Liebe

Ebenso bemerkenswert ist das Verhältnis zwischen Doris und Metin. Ihre Beziehung ist zu Beginn der Katalysator der Serie und trägt viel von ihrem Reiz. Gerade weil beide aus unterschiedlichen kulturellen und sozialen Kontexten kommen, entsteht eine Dynamik, die nicht nur romantisch, sondern auch konfliktreich und oft glaubwürdig wirkt. Die Serie zeigt hier, wie Liebe nicht losgelöst von Herkunft, Erziehung und Weltbild existiert, sondern in genau diesen Spannungsfeldern verhandelt werden muss. Die Wichtigkeit der Beziehung wurde vor allem Mitte der zweiten Staffel deutlich als die Beziehung der beiden Herausforderungen bewältigen musste und der Zuschauer auf einmal die Basis der Serie angegriffen sah.

Pubertät

Zugleich thematisiert Türkisch für Anfänger sehr treffend die Schwierigkeiten, denen Jugendliche auf dem Weg zum Erwachsenwerden begegnen. Beziehungen, Sexualität, Selbstbehauptung und Zugehörigkeit werden nicht romantisiert, sondern als komplizierte und oft peinliche Lernprozesse gezeigt. Gerade für junge Figuren ist das überzeugend, weil ihre Unsicherheit ernst genommen wird. Die Serie erkennt an, dass Erwachsenwerden nicht aus klaren Entscheidungen besteht, sondern aus Irrtümern, Grenzerfahrungen und Korrekturen. Exemplarisch dafür steht Lena, die sich munter ausprobiert und dabei immer wieder der Zweck die Mittel heiligt. Aufwühlend war in diesem Kontext das Staffelfinale der zweiten Staffel. Versöhnlich, aber auch verwirrend. Es ist nicht verwunderlich, dass sich die dritte Staffel ein fiktives Jahr Pause nach den aufwühlenden Ereignissen nimmt.


Schwächen der Serie

Doris´ Doppelmoral

Trotz ihrer Stärken bleibt die Serie auch an einigen Stellen problematisch. Besonders auffällig ist die Doppelmoral von Doris. Sie tritt häufig als emanzipierte, aufgeklärte Frau auf und propagiert mit Nachdruck feministische Werte, handelt aber nicht immer konsequent nach denselben Maßstäben. Auch als Mutter fordert sie von ihren Kindern maximale Transparenz, geht aber mit den Gefühlen von Lena sehr unsensibel um und belügt sowohl ihren Sohn Niels (S2) als auch ihre Tochter Lena (S3) aus eigennützigen Motiven bei wichtigen Zukunftsfragen. Genau darin liegt ein irritierender Widerspruch. Die Serie scheint zwar moderne weibliche Selbstbestimmung zu behaupten, führt sie aber nicht immer überzeugend zu Ende. Das schwächt die Figur, weil Haltung und Handlung oft auseinanderfallen. Indirekt werden ihre progressiven Ansichten, die ihrer Zeit voraus sind, geschwächt und als schwer vereinbar dargestellt. Schade!

Problematischer Erziehungsstil

Auch der Erziehungsstil beider Eltern wirkt stellenweise fragwürdig. Vieles wird über Autorität, spontane Entscheidungen oder emotionale Überforderung geregelt, statt über echte Aushandlung. Das erzeugt zwar komische Effekte, macht aber auch sichtbar, wie wenig stabil die Erwachsenen oft selbst sind. Gerade bei einer Serie, die sich mit Familie und Erziehung beschäftigt, wären an einigen Stellen mehr Sensibilität und Konsequenz wünschenswert gewesen. Natürlich sind Eltern und auch diese Charaktere nicht perfekt. Das müssen sie auch nicht sein. Körperliche Gewalt und Manipulation werden hier jedoch als Ecken und Kanten der Öztürk-Schneiders dargestellt, während solche Verhaltensweisen (ein) Grund sind, weshalb Wartezeiten bei Therapeuten so lang und Jugendämter überfordert sind!

Widersprüchliche Frauenfiguren

Besonders bedauerlich ist die Rolle der Frauenfiguren, die im Ergebnis doch sehr traditionell bleibt. Sowohl bei Lena als auch bei Doris entsteht am Ende der Eindruck, dass weibliche Selbstverwirklichung zwar thematisiert und gewünscht, aber nicht verwirklicht wird. Lena gibt ihren Superjob in einer impulsiven Entscheidung auf, damit Cem seine Chance bei der Polizei wahrnehmen kann, die er sich selbst kaum verdient hat. Doris wiederum tritt zu Beginn als beruflich Selbstständige auf, ehe sie am Ende zur Hausfrau wird, obwohl gerade ihre Figur ursprünglich für ein modernes, unabhängiges Frauenbild stand.

Patriarchale Narrative

Noch problematischer ist, dass Cem über die Serie hinweg Straftaten begeht und Frauen immer wieder in patriarchale Strukturen drängt, ohne dass dies narrativ ausreichend aufgearbeitet wird. Die Serie hätte hier eine klare Möglichkeit gehabt, ein starkes Zeichen gegen männliche Dominanz und gegen die Verharmlosung solcher Verhaltensmuster zu setzen. Insbesondere gegen Ende an welchem er sich mit einer modernen Rolle nicht nur arrangiert, sondern sich aus Liebe dafür entscheidet und mit Nachdruck versichert, er ist bereit für seine Familie in dieser Rolle da zu sein, wurde eine große Chance verspielt eine progressive Botschaft zu vermitteln. Stattdessen wirkt es manchmal so, als würden problematische Machtverhältnisse eher romantisiert oder jedenfalls zu leicht hingenommen werden. Das ist umso enttäuschender, weil die Serie durchaus die Chance gehabt hätte, eine moderne Botschaft zu vermitteln.

Zeitliche Einordnung

Natürlich muss man Türkisch für Anfänger im zeitlichen Kontext betrachten. Für die damalige Fernsehlandschaft war die Serie in vielerlei Hinsicht mutiger, offener und moderner als vieles andere. Aber gerade deshalb fällt es umso mehr auf, wo sie ihre eigenen Möglichkeiten verschenkt. Die Chance, nicht nur kulturelle Vielfalt darzustellen, sondern auch echte Gleichberechtigung und konsequente Emanzipation zu erzählen, war da. Dass diese Chance leichtfertig verspielt wurde, bleibt die größte Schwäche einer sonst oft unterhaltsamen und bedeutenden Serie.


Fazit

Türkisch für Anfänger bleibt eine wichtige und sehenswerte Serie, weil sie kulturelle Differenzen, Familienkonflikte und Jugendthemen mit Witz und Tempo erzählt. Ihre Stärken liegen in der kulturellen Bedeutung, der spannenden Figur Yagmur, der dynamischen Beziehung zwischen Doris und Metin und der glaubwürdigen Darstellung jugendlicher Entwicklung. Gleichzeitig wird die Serie dort schwach, wo sie ihre feministischen Ansprüche nicht einlöst und problematische männliche wie weibliche Rollenbilder letztlich zu wenig kritisch hinterfragt.

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