Die folgende Erlebnisreportage thematisiert Diskriminierungen im Looksmaxxing. Der Artikel beinhaltet meine ehrliche, meinungsbasierte und hautnahe Reaktion.
Um 2:19 Uhr liegt Leon wach im Bett. Das Licht seines Handy-Displays erstrahlt sein finsteres Zimmer. Seine Eltern schlafen längst. Auf TikTok scrollt er stundenlang durch Videos von jungen Männern mit markanten Kiefern und perfekt symmetrischen Gesichtern. Schmale Körper werden muskulös; Füllige Gesichter werden kantig. Es sind Videos, die er in den letzten Wochen immer häufiger sah. Der Algorithmus zeigt keine Gnade.
„Sub-Human“, wird ein Junge in den Kommentaren genannt. Ein Junge, in dem sich Leon wiedersieht.
Leon ist 14 Jahre alt. Seit Tagen betrachtet er sein heranwachsendes Gesicht immer länger im Badezimmerspiegel. Ein Gesicht, das er durch TikTok zu hassen begann. In seinem Algorithmus las er häufig vom „looksmaxxen“. Im entsprechenden „Looksmaxxing Forum“ sah er einen Tipp, wie er seine Wangenknochen markanter bekommen soll. Es ist ganz einfach. Leon nimmt den Hammer seines Vaters und schaut hasserfüllt in den Spiegel. Er schließt die Augen und zertrümmert sich mit dem Hammer die eigenen Wangenknochen.

Die Geschichte von Leon ist von mir konzipiert, zeigt jedoch die Realität vieler junger Männer.
Was ist Looksmaxxing?
Die Grundlage des Looksmaxxing scheint nicht extrem: Es ist der Versuch, das eigene Aussehen zu „maximieren“. Etwas, das in einem gesunden Ausmaß durch Ernährung, Hygiene und Fitness erreicht werden soll. Doch in den Abgründen des Internets entsteht daraus etwas anderes:
Der menschliche Körper als obsessives Bewertungssystem –
und eine Spirale, die junge Männer in eine krankhafte Selbstoptimierung zieht. Dabei greifen sie zu Medikamenten, Selbstverletzungen oder Operationen. Der Arzt und Psychotherapeut Dirk Stemper bezeichnet viele Methoden des Looksmaxxing als „medizinisch höchst bedenklich“. Psychisch handele es sich um „dysfunktionale Abwehrmechanismen“, in denen Körperscham mit ungesunden Mitteln bekämpft wird.
Das Looksmaxxing-Phänomen, dessen Anfänge in der Incel-Szene liegen, wird mit misogynen und rechtsextremen Ideologien verbunden – Frauenhass, Menschenverachtung, Gewaltfantasien. Ihre Ansicht ist, wer körperlich überlegen ist, kann Frauen besser unterdrücken und wirkt gleichzeitig attraktiver. So ist die Motivation vieler Lookmaxxer, ihren „sexuellen Marktwert“ zu erhöhen.
Ich wollte wissen, wer diese Menschen wirklich sind und die Welt der Looksmaxxer selbst erleben. Um zu sehen, ob die radikalen Ideologien tatsächlich präsent und spürbar sind.
Das Erlebnis
Die Google Suche nach dem „Looksmaxxing Forum“ führt auf eine Website: schwarzgraues Design, leichte gelbe Akzente. Ein zunächst klassisches Design für ein Online-Forum. Doch der düstere Bildschirm, der mir nachts entgegenscheint, setzt die passende Atmosphäre für die Inhalte, die ich dort zu sehen bekommen werde.
Um auf die interessanten Threads zugreifen zu können, benötige ich einen eigenen Account. Der „Register“ Button strahlt Gold auf dem grauen Hintergrund. Bei meiner Registrierung muss ich angeben, wieso ich ein Mitglied der Community werden möchte. Übersetzt schreibe ich: „Ich muss mich bessern. Auf jede erdenkliche Weise.“. Diese besorgniserregende Registrierung muss nun von einem Administrator der Website bestätigt werden. Gerade einmal 30 Minuten später meldet sich der Admin „Dean“: Er dankt mir für die Registrierung und wünscht mir, dass das Forum nützlich für meinen Weg zur Besserung sein wird. Dieses Verfahren der Website soll dafür sorgen, dass die Beiträge und Kommentare, die ich jetzt erlebe, ausschließlich von echten Menschen stammen.
„Looksmaxxing-Discussions“
Zunächst begebe ich mich in den Thread der allgemeinen Looksmaxxing-Diskussionen. Eines der ersten Beiträge, die ich dort sehe, ist die Inspiration für den Einstieg dieses Artikels.

Ein 14-jähriger Junge, der sich bereits die Wangenknochen mit seinen Knöcheln zertrümmert hat, in der Hoffnung, dass diese markanter verheilen werden. Er möchte dasselbe mit seinem Kinn tun. Der Mediziner Christoph Specht hält das Wirken dieser Methode für eine „abstruse Vorstellung“.
Kurz darauf stoße ich auf einen „Guide“: Ein User gibt Tipps dazu, wie man als Schwarze Person in der Gesellschaft „aufsteigen“ kann.

„Fett“ sein, darf man nach ihm nur als Weißer. Mit einer anderen Hautfarbe solle man sich an diesem Punkt „einfach umbringen“. People of Color sollen sich aushungern oder einen Bandwurm holen, anstatt „fett“ zu sein.
„Ratings“
Neben menschenverachtenden Diskussions-Threads fand ich hier auch die Möglichkeit, sich von anderen Mitgliedern der Community bewerten zu lassen. Dabei lädt man öffentlich ein Bild von sich in das Forum und hofft auf eine positive Rückmeldung darüber, wie man sein Gesicht optimieren kann. Ein Beispiel dafür ist ein User, der nach eigenen Angaben gerade einmal 13 Jahre alt ist. Er schreibt dazu, man solle „brutal ehrlich“ sein.
Statt seiner erhofften Bewertung wird er vom User mit dem Namen „kys“ (kurz für „kill yourself“) als einen inzüchtigen Affen bezeichnet.

Seine Antwort darauf: „broo i am literaly the best looking in my class bithces want me”
Frauenabwertende Sprache wie „bitches“ ist im Forum üblich. Diese gewöhnliche Misogynie erreicht den Höhepunkt bei einem Post, den ich im selben Thread finde:
Ein User posted einen Beitrag mit der Überschrift „rate my ltb foid ex“. Er ruft dazu auf, seine „unterdurchschnittliche“ Ex-Freundin zu bewerten. Dafür benutzt er den Begriff „Foid“, welcher im Forum weit verbreitet ist. Foid ist die Kurzversion von „Femoid“, was so viel heißen soll wie „weibliches Humanoid“. Es ist ein Begriff, der Frauen dehumanisiert. Der User deutet an, seine Ex-Freundin sei kein vollständiges menschliches Wesen. Für die Bewertung lädt er mehrere Bilder hoch, auf denen sie deutlich zu erkennen ist.

Durch den Upload eines Screenshots ihres TikTok-Profils war es mir möglich, die betroffene 16-Jährige zu kontaktieren. Ich habe sie auf den Forum-Beitrag hingewiesen und ihr nahegelegt, mögliche rechtliche Schritte einzuleiten.
Erkenntnis
Als ich das Forum schließe und meinen Laptop zuklappe, ziehen mir stechende Schmerzen in den Kopf. Was ich unter den Looksmaxxern erlebt habe, ist nicht nur ein harmloser Trend zur Selbstoptimierung. Keine hilfsbereite Community, bei der man sich anmeldet, um Tipps für steigendes Selbstbewusstsein zu bekommen. Es ist ein digitaler Raum, in dem Unsicherheit systematisch in Hass umgewandelt wird. Junge Männer, zu großem Teil Kinder und Jugendliche, schotten sich hier von der echten Welt ab und verstärken sich gegenseitig in ihrer Radikalität. Die Männer in diesem Forum agieren, als seien sie unverwundbar. Schamlos wird hier das diskriminierende Weltbild verbreitet, Menschen in „wertvoll“ und „wertlos“ zu unterteilen.
Mir gehen die vielen Jugendlichen durch den Kopf, die Ähnliches erfahren müssen wie mein konstruierter Leon. Radikalisierung ist nicht bloß Rassismus und Sexismus. Es beginnt bei orientierungslosen jungen Menschen, die systematisch in eine toxische Spirale geleitet werden.
