Was hormonelle Umbrüche mit unseren Müttern, unserer Gesellschaft und irgendwann auch mit uns selbst zu tun haben.
Warum dieses Thema früher wichtig ist, als viele denken
Ich habe lange nicht verstanden, was mit meiner Mutter los war. Warum sie schneller gereizt war, warum sie schlecht schlief, müde wirkte oder auf Situationen plötzlich ganz anders reagierte als früher. Für mich fühlte es sich zeitweise so an, als hätte sich ihre Persönlichkeit verändert.
Erst später wurde mir klar: Sie steckte mitten in den Wechseljahren. Was mich dabei besonders überrascht hat, war nicht nur, wie stark diese Phase ihren Alltag beeinflusste, sondern auch, wie hilflos sie sich zu Beginn fühlte. Es gab viele Tipps, Meinungen und gut gemeinte Ratschläge aber wenig Orientierung. Über die Wechseljahre wurde kaum gesprochen, schon gar nicht offen. Und auch ich selbst wusste fast nichts darüber. Für mich war das ein Thema für „irgendwann später“. Etwas, das mich erst betrifft, wenn ich älter bin.
Genau hier liegt das Problem: Gesundheitliche Themen rund um den weiblichen Körper gelten noch immer häufig als Tabu. Während über Menstruation und Zyklus inzwischen vorsichtig gesprochen wird, bleiben andere hormonelle Umbruchphasen besonders im höheren Alter weitgehend unsichtbar. Dabei endet das hormonelle Auf und Ab nicht mit der fruchtbaren Phase, sondern begleitet Frauen ein Leben lang, auch in den Wechseljahren (Beckermann 2020; Bienemann 2025). Wie wenig präsent die Wechseljahre dennoch sind, zeigt sich vor allem darin, wie sie gesellschaftlich wahrgenommen und eingeordnet werden. Genau dieser Widerspruch zwischen der tatsächlichen Bedeutung dieser Lebensphase und ihrer geringen Sichtbarkeit, war für mich der Anstoß, mich intensiver mit dem Thema auseinander zu setzten.
Öffentliche Wahrnehmung
In der öffentlichen Wahrnehmung werden die Wechseljahre häufig auf einzelne Symptome reduziert oder als Thema „älterer Frauen“ abgetan. Tatsächlich handelt es sich jedoch um mehrjährige Phasen tiefgreifender hormoneller Umstellungen die mit körperlichen, wie psychischen Veränderungen einhergehen können und individuell sehr unterschiedlich erlebt werden (Beckermann 2020). Trotzdem fühlen sich viele Frauen in dieser Zeit schlecht informiert und allein gelassen, auch, weil die Wechseljahre lange kaum erforscht, tabuisiert oder medizinisch vereinfacht behandelt wurden (Bienemann 2025). Gerade für jüngere Menschen scheint dieses Thema zunächst weit entfernt. Doch Wechseljahre betreffen nicht nur die Frauen selbst, sondern auch ihre Umwelt: Mütter, Partnerinnen und Kolleginnen.
Verständnis dafür zu entwickeln, was in dieser Lebensphase im Körper einer Frau passiert, kann helfen, gesellschaftliche Vorurteile abzubauen und sensibler mit einem Thema umzugehen, das bislang zu selten offen ausgesprochen wird (Beckermann 2020: Bienemann 2025).
Was sind die Wechseljahre eigentlich?
Um die Wechseljahre zu verstehen, lohnt sich ein Blick an den Anfang des weiblichen Lebens. Frauen kommen bereits mit einer festgelegten Anzahl an Eizellen auf die Welt. Dieser Vorrat nimmt von der Geburt an kontinuierlich ab und kann nicht erneuert werden. Die Eizellen sind dabei nicht nur für die Fortpflanzung wichtig, sondern eng mit der Produktion von Hormonen verbunden, insbesondere von Östrogen, das eine zentrale Rolle für Wachstum, Knochen, Haut, Schleimhäute und den Stoffwechsel spielt (Bienemann 2025). Mit Beginn der Pubertät setzt der monatliche Zyklus ein, gesteuert durch ein fein abgestimmtes Zusammenspiel der Hormone Östrogen und Progesteron.
Über viele Jahre funktioniert dieses hormonelle System meist stabil. Doch irgendwann beginnen die Eizellenreserven zur Neige zu gehen, ein Prozess, welcher die hormonelle Balance allmählich verändert und den Übergang in die Wechseljahre einleitet (Beckermann 2020; Bienemann 2025).
Die Prämenopause beschreibt die Phase, in der die ersten hormonellen Veränderungen einsetzten, oft unbemerkt. Eisprünge finden seltener statt, der Progesteronspiegel sinkt, während der Östrogenspiegel noch schwankt. Veränderungen wie Zyklusunregelmäßigkeiten werden häufig nicht mit den Wechseljahren in Verbindung gebracht (Beckermann 2020; Bienemann 2025).
In der Perimenopause werden die hormonellen Veränderungen deutlicher. Diese Phase umfasst etwa ein bis zwei Jahre vor und nach der Menopause. Da Eisprünge zunehmend ausbleiben, sinken sowohl Östrogen als auch Progesteronspiegel. Das hormonelle Gleichgewicht gerät aus dem Takt, was sich körperlich und psychisch bemerkbar machen kann. Etwa durch Schlafstörungen, Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen oder Konzentrationsprobleme (Beckermann 2020; Bienemann 2025).
Die Menopause selbst bezeichnet die letzte Monatsblutung einer Frau. Sie ist kein längerer Prozess, sondern ein einzelner Zeitpunkt, der erst rückblickend festgestellt werden kann, wenn ein Jahr lang keine Blutung mehr aufgetreten ist. Im Durchschnitt tritt sie um das 51. Lebensjahr ein (Beckermann 2020).
Mit der Postmenopause beginnt eine Phase, in der die Eierstöcke kaum noch Östrogen produzieren. Der Körper stellt sich auf ein neues hormonelles Gleichgewicht ein. Da Östrogen ein aufbauendes Hormon ist, können Abbauprozesse in Bereichen wie Knochen, Muskulatur, Haut oder Schleimhäuten stärker in den Vordergrund treten. Gleichzeitig stabilisieren sich bei vielen Frauen die zuvor starken hormonellen Schwankungen, was dazu führen kann, dass bestimmte Beschwerden wieder nachlassen (Beckermann 2020; Bienemann 2025).
Die Wechseljahre sind damit kein kurzer Abschnitt, sondern ein längerer Prozess hormoneller Veränderungen.
Symptome und warum sie ernst genommen werden sollten
Die Wechseljahre wirken sich nicht nur auf den Körper aus, sondern oft auf den gesamten Alltag. Viele Frauen erleben in dieser Zeit Hitzewallungen, Schlafstörungen oder starke Erschöpfung. Symptome, die auf den ersten Blick banal klingen, sich aber massiv auf Konzentration, Belastbarkeit und Stimmung auswirken können (Beckermann 2020). Wer dauerhaft schlecht schläft, ist schneller gereizt, weniger leistungsfähig und emotional angespannter. Hinzu kommen Stimmungsschwankungen oder innere Unruhe, die viele Frauen an ihre eigene Pubertät erinnern. Der Körper fühlt sich plötzlich fremd an, Reaktionen sind schwerer kontrollierbar und das emotionale Gleichgewicht gerät ins Wanken (Bienemann 2025).
Was viele nicht wissen: Wechseljahre betreffen nicht nur „klassische“ Symptome wie Hitzewallungen. Immer häufiger berichten Frauen von Konzentrationsproblemen, Vergesslichkeit oder sogenanntem „Brain Fog“, dem Gefühl, geistig nicht mehr so klar oder belastbar zu sein wie zuvor (Bienemann 2025). Auch körperliche Veränderungen wie trockene und empfindlichere Schleimhäute, Haut oder Augen können auftreten, da Östrogen eine wichtige Rolle für aufbauende Prozesse im Körper spielt (Beckermann 2020; Bienemann 2025). All diese Veränderungen sind für Außenstehende meist unsichtbar, prägen den Alltag der Betroffenen aber stark. Genau deshalb ist Rücksicht so wichtig, im privaten Umfeld und besonders im Berufsleben.
Wechseljahre und Gesellschaft, warum sich etwas ändern muss
Dass Wechseljahre kein individuelles Randproblem sind, zeigen aktuelle Zahlen der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Mehr als neun Millionen Frauen in Deutschland befinden sich derzeit in den Wechseljahren, rund 85 Prozent von ihnen geben an, unter Beschwerden zu leiden, mit konkreten Folgen für Arbeitsplatz und Wirtschaft (Antidiskriminierungsstelle des Bundes 2026). Als Reaktion darauf wurde ein eigenes Gremium „Wechseljahre und Diskriminierung“ gegründet, das Strategien für Betroffene und Unternehmen entwickeln soll.
Wie stark sich die Wechseljahre auf das Berufsleben auswirken können, zeigt auch ein Artikel der Pharmazeutischen Zeitung. Darin zitiert Hanke Huber eine Befragung von rund 2.000 Frauen im Rahmen des Forschungsprojektes Meno Support. Viele der Befragten überlegten, im Job kürzer zu treten, waren bereits krankgeschrieben oder dachten über einen vorzeitigen Ruhestand nach. Jede zehnte Frau gab an, aufgrund der Wechseljahre früher aus dem Berufsleben auszusteigen, bei Frauen über 55 Jahren sogar fast jede fünfte (Huber 2024).
Diese Entwicklungen machen deutlich: Wechseljahre sind kein privates Problem einzelner Frauen, sondern eine gesellschaftliche Realität. Je offener über diese Phase gesprochen wird, auch von jungen Menschen, desto eher können Vorurteile abgebaut, Rücksichtnahme selbstverständlich und die Gesundheit von Frauen insgesamt ernster genommen werden. Denn Wissen schafft Verständnis. Und Verständnis ist der erste Schritt, damit Wechseljahre kein Tabuthema mehr bleiben.
Quellenverzeichnis
Literatur
Beckermann, Maria (2020): Wechseljahre – was muss ich wissen, was passt zu mir? Nach den aktuellen medizinischen Leitlinien. Hogrefe Verlag.
Bienemann, Sonja (2025): Entspannte Wechseljahre. Mit Pflanzenpower aktiv ausgleichen & unterstützen. Ulmer Verlag
Onlinequellen
Hanke, L; Huber, M. (2024): Deshalb gehen Wechseljahre alle etwas an. In: Pharmazeutische Zeitung. https://www.pharmazeutische-zeitung.de/deshalb-gehen-wechseljahre-alle-etwas-an-150326/
Antidiskriminierungsstelle des Bundes (2026): Mehr als neun Millionen Frauen in Deutschland in den Wechseljahren – Gremium zu Wechseljahren und Diskriminierung gegründet. https://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/aktuelles/DE/2026/20260120_Wechseljahre_Gremium.html

