„Ein bedrückender Ort“

Unser erster Besuch in der Gedenkstätte Esterwegen

Dieser Artikel ist als Beiwerk einer Videoreportage über Erinnerungskultur im Emsland entstanden. Wir sind Studierende im fünften Semester des Studiengangs Kommunikationsmanagement. Seit dem Frühjahr 2025 arbeiten wir an diesem Projekt und haben dabei schon viele spannende Geschichten erlebt. Eine dieser Geschichten erzählt, wie wir unseren ersten Besuch der Gedenkstätte Esterwegen erlebt haben.

Ankunft in Esterwegen

Es ist still. Ein graues Gelände erstreckt sich hinter Stacheldrahtzaun und eine Art Turm ragt in den Himmel. Ringsum ist nichts als Felder, Bäume und Moor. Kein Eingang ist in Sicht. Unsicherheit macht sich breit, ob wir einfach so auf die umzäunten Parkplätze neben dem Gelände fahren können. Also bleibt einer von uns im Auto vor dem Gelände und einer geht sich erkundigen.

Ich steige aus, schleiche über die Parkplätze weiter, bis ich vor einem Gebäude stehe, dem Kloster Esterwegen. Auf einer Bank vor dem Eingang ins Gebäude erblicke ich eine Frau mit grau-weißem Gewand und einer Tasse in der Hand. Etwas zögerlich gehe ich auf die Dame zu, als sie mich auch schon zu sich ruft. Eigentlich möchte ich nur fragen, wo wir parken können, doch meine Gesprächspartnerin ist bereits nicht mehr zu bremsen.

Foto: Niklas Stürtz

Eine Warnung

Sie erzählt mir, dass sie mit ihren Schwestern hier im Kloster lebt. Die Parkplätze gehören nicht zum ehemaligen Lagergelände. Dieser Teil des Geländes ist erst nach dem Zweiten Weltkrieg für die Bundeswehr gebaut worden. Wir sind von der falschen Seite ans Gelände gefahren. Die Parkplätze der Gedenkstätte befinden sich auf der anderen Seite. Wo wir parken, ist eigentlich egal. Bevor ich mich verabschieden kann, sagt die Nonne noch einen Satz. Einen Satz, der mir zunächst nicht mehr aus dem Kopf geht:

„Hier ist ein bedrückender Ort. Wenn ihr euch die Gedenkstätte angesehen habt, solltet ihr ins Kloster kommen, um wieder rein mit eurem Geist zu werden.“

Während wir das Auto auf dem Parkplatz beim Kloster abstellen, erzähle ich von der Begegnung. Die Gedenkstätte Esterwegen liegt direkt neben dem Kloster. Vom Eingang weg führt ein kleiner Steg durch ein kleines Waldstück raus ins Moor. Die Eingangshalle wirkt modern und gut gepflegt. Auffällig sind ein paar Tische. Einer mit Literatur zu den Emslandlagern und einer mit dem Lageplan des Konzentrationslagers. Nach kurzer Beratung begeben wir uns als Erstes in die Ausstellung.

Foto: Niklas Stürtz

Die Ausstellung

Kameras haben wir nicht dabei, nur Block und Stift begleiten uns bei der Recherche. Von erschreckenden Fakten bis zu grausamen Schicksalen von unschuldigen Menschen ist diese Ausstellung vollgepackt mit Geschichten, die alle einen eigenen Artikel verdient hätten. Besonders im Kopf bleibt uns das Lied der Moorsoldaten, das in der Nähe Esterwegens, im Lager Börgermoor, entstanden ist. Wir können nicht fassen, was hier im Emsland damals vorgefallen ist und dass wir nichts davon wussten.

Foto: Niklas Stürtz

Das Lagergelände

Erschlagen stapfen wir aus dem Saal, mit einem ambivalenten Gefühl aus Neugier und Abscheu. Unsere Stimmen sind leise und angespannt, während wir raus auf das ehemalige Tötungsgelände laufen. Die Bäume tragen grüne Blätter. Der Ort liegt bewachsen und friedlich dort, als hätte sich die Natur das Gelände zurückgeholt. Während wir an den Sträuchern vorbeilaufen, heben sich unsere Augenbrauen und tiefe Seufzer entgleiten unseren Lippen. Das Wissen aus der Ausstellung macht Sträucher zu Baracken, hohe Metallblöcke zu Wachtürmen, den Stacheldrahtzaun zu einem unüberwindbaren Hindernis und das Moor in der Ferne zu Sehnsucht und Angst zugleich. 

„Hier ist ein bedrückender Ort. Wenn ihr euch die Gedenkstätte angesehen habt, solltet ihr ins Kloster kommen, um wieder rein mit eurem Geist zu werden.”

Foto: Niklas Stürtz

Das Kloster

Vor der Heimfahrt begeben wir uns noch ins Kloster. Die Nonne ist nicht mehr da. Im Kloster stehen an der Wand Zeilen des Lieds der Moorsoldaten, ein Lied der Hoffnung. Der Raum ist nicht sonderlich groß, aber dunkel. Lange halten wir uns nicht im Kloster auf. Auf dem Rückweg nach Lingen fahren wir über die Autobahn 31. Straßenschilder mit Ortsnamen, die uns vorher nichts gesagt haben, erinnern uns auf einmal an unsere Eindrücke von heute.

Straße durch die Hölle

Erst Walchum, dann Neusustrum, Oberlangen, Wesuwe, Versen, Fullen, Groß Hesepe, Dalum und schließlich Wietmarschen nehmen wir wahr, bevor wir in Richtung Lingen abbiegen. In jedem dieser Orte stand ein Konzentrationslager. Insgesamt 15 Lager hat es damals im Emsland gegeben. Auf der Hinfahrt wirkte die Autobahn wie eine ganz normale Autobahn. Nun fühlt sie sich an wie eine Straße durch die Hölle, die Hölle im Moor.

Foto: Niklas Stürtz

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