Triggerwarnung: In diesem Artikel geht es um Essstörungen und Magersucht. Die Inhalte können für manche Leser:innen belastend sein.
Was füttert die Magersucht?
2 Uhr nachts. Die Station 5 des Uniklinikums Münster ist tief am Schlafen. Der Nachtdienst muss eine der Patientinnen aufwecken. Und das alle zwei Stunden, denn der Puls der 14-Jährigen fällt immer wieder gefährlich ab. Sie muss so lange durch die leeren Gänge laufen, bis es für sie wieder sicher genug ist, weiterzuschlafen. Am nächsten Tag steht ein Herz-Echo an. Vergangene Woche stellte man fest, dass sich durch starkes Untergewicht Wasser um das Herz der jungen Patientin gesammelt hat.
Die im Folgenden als Anna benannte Patientin leidet an Anorexia nervosa, umgangssprachlich Magersucht. Hierbei handelt es sich um eine ernstzunehmende psychisch-metabolische Erkrankung. Sie ist die stärkste Form einer Essstörung und durch deutliches Untergewicht, einen starken Drang abzunehmen und eine gestörte Wahrnehmung des eigenen Körperbilds gekennzeichnet. Durch die anhaltende Mangelernährung können schwere gesundheitliche Schäden entstehen, die teilweise lebensgefährliche Folgen haben. Deshalb ist die Anorexie auf den Seiten des Bundesinstituts für öffentliche Gesundheit als schwerwiegende und meist sehr langwierige Krankheit gekennzeichnet, die unbedingt behandelt werden muss.
„Man ist wie in seiner eigenen Welt“, beschreibt Anna. „Durch die Magersucht hat man das Gefühl von Kontrolle.“ Aus eigener Erfahrung erklärt sie, man freue sich über jede 100g, die man abnimmt und fühle sich dennoch dick. Man habe seine eigenen Regeln. „Nur eine bestimmte Anzahl an Kalorien, an Mahlzeiten und auf der Waage.“
Die aktuell verfügbaren Zahlen des Statistischen Bundesamtes stammen aus dem Jahr 2023. Demnach waren 93% der Personen, die wegen einer Essstörung stationär im Krankenhaus behandelt wurden, Frauen. Etwa 1% aller Frauen erkranken im Laufe des Lebens an Magersucht. Besonders auffällig ist die Entwicklung bei jungen Patientinnen: Zwischen 2003 und 2023 hat sich die Zahl der 10- bis 17-jährigen Mädchen, die wegen Essstörungen stationär behandelt wurden, verdoppelt. Insgesamt wurden 2023 rund 9.200 Fälle von Magersucht stationär im Krankenhaus behandelt.
„Die Anorexie stellt ihre eigenen Regeln auf.“
Anna konnte den Beginn nicht bewusst erkennen, „da man am Anfang nicht das Gefühl hat, man ist krank und später immer denkt, man sei nicht krank genug“. Es fing an, indem sie sich in ihrem eigenen Körper nicht mehr wohlfühlte und begann, sich zu vergleichen. Lange war sie der Meinung, sie wolle nur ein wenig abnehmen. Sie aß immer weniger, machte immer mehr Sport.
Nach einiger Zeit schaute sie bei jedem Lebensmittel auf die Nährwerttabelle, berechnete vor jedem Essen die Kalorien und legte selbst das winzigste Stück vorher auf die Küchenwaage. „Die Anorexie stellte ihre eigenen Regeln auf.“ Anna sparte so viel sie konnte und entwickelte Ängste vor Kalorien und bestimmten Lebensmitteln. Bis sie irgendwann nicht mehr richtig in der Lage war, Mahlzeiten einzunehmen. „Ich musste Fresubin zu mir nehmen, um mich über Wasser zu halten.“ (Fresubin ist eine medizinische Trinknahrung.)
Anna konnte nicht mehr zur Schule, war nicht mehr imstande, zur Therapie zu gehen, geschweige denn, den Alltag zu meistern.
„Die Stimmen werden lauter“
Wenn Leute sie auf ihre Abnahme angesprochen haben und anfangs noch Komplimente entgegenbrachten, gab ihr das die Motivation, weiter abzunehmen. Auch Social Media trug seinen Teil dazu bei. „Wenn ich sehr dünne Mädchen sehe, bestärkt es meine Krankheit, die Stimmen werden lauter und der Wille, abzunehmen, wieder stärker.“ Auch Aussagen wie „Du siehst wieder viel gesünder aus“ können triggern und die Essstörung bestärken, weil Erkrankte dies oft gar nicht möchten.
Zur Sicherheit musste Anna dann für einen kurzen Aufenthalt ins Kinderkrankenhaus. Kurze Zeit später bekam sie einen Platz in der stationären Kinder- und Jugendpsychiatrie des Uniklinikums Münster auf der Station für Magersucht. Nun ist sie seit vier Monaten vor Ort und lässt die Krankheit nach und nach ein Stück mehr los, „auch wenn sie oft noch stark präsent ist“.
Anna blickt sehr positiv auf ihre Klinikerfahrungen zurück. Sie sagt, es sei ein „guter und wichtiger Schritt“, man sei irgendwann „zu tief gefangen und kommt eigenständig nicht mehr raus“. Sich Hilfe zu holen sei schon schwierig, „aber die Hilfe dann auch annehmen zu können, ist nochmal herausfordernder“. In einer Klinik wird explizit gegen die Anorexie gearbeitet. Alles wird eng begleitet und man hat viele Therapien, was für den Verlauf des Klinikaufenthalts sehr wichtig ist. „Man ist tagtäglich im Kampf gegen sie und auch wenn einem von außen nur geholfen werden kann, muss man den Kampf allein führen.“ All das kann von dem normalen Umfeld nicht geboten werden. Man habe mehr Freiraum, den die Krankheit auch ausnutze.
Der Weg in die Essstörung
Das Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit zeigt auf, dass es bei der Entstehung einer Magersucht oft nicht nur einen einzigen Grund gibt. Es wirken verschiedene Faktoren zusammen.
Es gibt Ursachen, die die individuelle Anfälligkeit bestimmen und das Risiko, eine Magersucht zu entwickeln, erhöhen. Dies sind zum einen biologische und körperliche Faktoren wie die erbliche Veranlagung. Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, wie ein niedriges Selbstwertgefühl, emotionale Labilität oder hohe Ansprüche an Aussehen, Figur und Gewicht, spielen mit herein. Zudem gesellschaftliche Einflüsse wie Schönheitsideale, welche häufig Attraktivität mit Schlankheit und perfekten Körpermaßen gleichsetzen, sowie Social Media.
Zusätzlich kann es konkrete Ereignisse und Umstände geben, die als Auslöser fungieren und somit letztendlich den Ausbruch der Magersucht anstoßen können. Dies können belastende Erlebnisse wie etwa ein Verlust oder Mobbing sowie der Eintritt in die Pubertät mit ihren körperlichen Veränderungen und hormonellen Umstellungen sein.
Mehr als nur Gewichtsverlust
Die Symptome einer Anorexie können zahlreich und vielfältig sein. Es gibt keinen Maßstab, der erfüllt werden muss, um als krank zu gelten. Betroffene leiden individuell an den verschiedensten Auswirkungen und es können wenige bis alle möglichen Symptome bei einer Anorexie vertreten sein.
Das Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit gibt dafür beispielsweise fehlende Nährstoffe an, durch die es zu Mangelerscheinungen kommt. Betroffene sind häufig müde und frieren. Unter anderem kann es zu einem niedrigen Blutdruck und Kreislaufbeschwerden sowie zu einer Verringerung der Knochendichte kommen. Erkrankte haben meistens einen zu langsamen Herzschlag, was ebenfalls ernsthafte Folgen mit sich bringen kann. Oft haben Betroffene mit Haarausfall sowie trockener und juckender Haut zu kämpfen. Auch eine Lanugo-Behaarung kann auftreten. Dies ist eine leichte Behaarung am ganzen Körper, die vor der Kälte schützen soll. Pubertät und körperliche Entwicklung können durch die Magersucht verzögert werden und bei weiblichen Patienten bleibt die Periode aus.
Auch seelisches und das Sozialleben leiden unter der Krankheit. Es kommt zu depressiver Stimmung und hoher Reizbarkeit. Betroffene ziehen sich sozial zurück und vernachlässigen eigene Interessen. Menschen mit Magersucht leiden oft auch unter weiteren psychischen Erkrankungen. Die Essstörung kann diese verstärken, ebenfalls können die anderen Erkrankungen Einfluss auf den Verlauf der Anorexie haben.
Annas Symptome bestimmen ihren Alltag
Auch sie leidet an den genannten Symptomen. Sie hat durch ihr starkes Untergewicht keine Kraft mehr und kann dadurch viele Dinge nicht mehr machen, die sie immer gerne gemacht hat, wie Hobbys, Sport bis hin zu einfach den Alltag meistern. Zusätzlich sammelte sich um Annas Herz Wasser, was sich nach regelmäßiger Kontrolle aber selbst wieder zurückbildete. Sie bekam vom Liegen und Sitzen schmerzhafte Druckstellen an den Knochen. Dadurch, dass auch ihre Periode ausfällt, macht sie sich große Sorgen, keine Kinder mehr bekommen zu können.
Sie klagte über Bauchschmerzen, manchmal auch über Übelkeit und kämpfte nach jeder kleinen Mahlzeit mit einem Blähbauch. „Man hat direkt das Gefühl: Das ist mein Körper und ich hätte zugenommen.“ Außerdem entwickelte sie eine extreme Angst vor dem Essen und so gut wie allen Lebensmitteln. Dazu kommt der starke Bewegungsdrang, der sich aus der Krankheit abbildet. Jede Bewegung wird ausgenutzt, um Kalorien zu verbrennen, da man das Gefühl habe, es müsse sich alles verdient werden. Annas Gedanken kreisen den ganzen Tag um Essen, Mahlzeiten, Kalorien und den eigenen Körper.
In der Schule hat sie immer mehr mit Konzentrationsverlust zu kämpfen. Zusätzlich verliere man schließlich den Kontakt zur Außenwelt, ob zu Freunden, Familie, Klassenkameraden oder Bekannten. Anna litt immer wieder an Panikattacken und entwickelte viele Zwänge, wie extremen Ordnungsdrang und Fingerknacken.
„Man verliert seine Gefühle“, sagt Anna. „Ich habe meine komplette Lebensenergie und Freude verloren. Ich war immer traurig, hab mir nicht helfen lassen und mich in meiner eigenen Welt allein gefühlt.“
Das tiefe Loch der Anorexie
„Am schwierigsten sind die Mahlzeiten und die Zeit darum.“ Zudem die Momente, in denen sie sich besonders unwohl im eigenen Körper fühlt. „Ich denke oft ans Aufgeben und daran, mich wieder in das tiefe Loch der Anorexie fallen zu lassen.“
In solchen Momenten verliert Anna die Motivation und ihr Durchhaltevermögen verringert sich. „Ich fühle mich traurig, machtlos, kraftlos und spüre viel Wut.“ Sie denkt an ihren Körper, dass sie sich immer noch nicht als dünn genug empfindet „, sondern dick und dass ich so nicht aussehen möchte“.
Überwinden tut sie die Momente, indem sie an zu Hause denkt, an Freunde, Familie „und an das, was ich zurückgewonnen habe“. Sie habe wieder deutlich mehr Freiheiten und sei auch imstande, einige Momente wieder genießen zu können. „Außerdem möchte ich nicht, dass meine Familie und auch einige Freunde wegen mir nochmal so traurig sein müssen und sich solche Sorgen machen.“
Viele Situationen werden ihr in Erinnerung bleiben, da sie sich sehr stark in den Kopf geprägt haben, aber besonders stark in Erinnerung ist ihr, wie traurig und ängstlich ihre Familie war. Diese litt ebenfalls stark unter der Krankheit, was Anna unfassbar leidtut. „Ich habe mitbekommen, wie viele Sorgen sich meine Familie gemacht hat und jeden Tag aufs Neue Angst hatte, dass mein Leben bald zu Ende geht.“ Annas Familie musste zusehen, wie sie sich fast zu Tode hungerte und konnte nicht viel dagegen tun. „Mein Lächeln verschwand und mein eigentliches „Ich“ war nicht wiederzuerkennen“. „Sie haben mich vermisst.“
Die Gefahr dahinter
Das Universitätsklinikum Tübingen stellt Magersucht als die psychische Erkrankung mit der höchsten Sterblichkeitsrate heraus. 2024 starben in Deutschland nach Diagnose 74 Menschen aufgrund von Essstörungen – davon 51 an Magersucht. Durchschnittlich ist jeder fünfte Todesfall ein Suizid. Etwa 10% sterben an den gesundheitlichen Folgen.
„Ein früher Zugang zu qualifizierter Hilfe ist entscheidend für eine gute Prognose“, so Prof. Dr. med. Stephan Zipfel, Leiter Kompetenzzentrum für Essstörungen Tübingen. „Je eher die Essstörung erkannt wird, desto höher sind die Heilungsaussichten“, heißt es ebenfalls bei der Universitätsspital Zürich. Wer sich rechtzeitig behandeln lässt, hat also gute Chancen auf eine vollständige Genesung. Deshalb müssen Ärzte aller Fachrichtungen geschult sein, eine Anorexie früh genug zu erkennen. Nach einer erfolgreichen Behandlung ist aufgrund eines hohen Rückfallrisikos die Nachsorge von hoher Bedeutung.
Es geht auch wieder bergauf
Mittlerweile kommt Annas Kraft zurück und sie hat wieder mehr Energie im Alltag. „Außerdem kann ich meine Gefühle wieder fühlen“, so Anna. „Ich kann viele Momente wieder mehr genießen, was ich eine lange Zeit nicht konnte. “Das Essen fällt ihr auch wieder leichter, aber noch lange nicht leicht. „Zurzeit glaube ich, dass manche negativen Gedanken in Bezug auf das Essen und meinen Körper für immer bleiben.“ Ebenso kann sie sich vorstellen, dass viele Zahlen von Lebensmitteln im Kopf bleiben, was die Sorge aufwirft, dass die Angst vor dem Essen bleibt.
Durch die schwerwiegenden Folgen einer solchen Erkrankung ist es umso wichtiger, dass man auf sein Umfeld Acht gibt. „Kommentiert keine anderen Körper und beschäftigt euch nicht zu sehr mit Kalorien oder eurem Äußeren. Wenn ihr etwas ändern möchtet, macht es anders und nicht so!“. Anna betont erneut, wie gefährlich es sein kann, dass es auch tödlich enden kann und wie es einem selbst und seinem Umfeld schadet.
Sie appelliert an alle Betroffenen, sich Hilfe zu holen und diese auch anzunehmen. Sie weiß, wie schwer das sein kann, aber man gewinnt sein Leben dadurch langsam zurück. „Du bekommst auch mit der Zeit einige andere Sichtweisen und siehst diese miese Krankheit irgendwann nicht mehr als deinen besten Freund an. Du brauchst keine Regeln und auch keine Stimmen in deinem Kopf, die dir sagen, was richtig und was falsch ist.“ Anna betont, dass es die Anorexie ist, die die Kontrolle über einen hat, aber man sie zurückgewinnen kann, indem man sich ihr stellt. Denn „Du hast es verdient, zu leben und nicht nur knapp zu überleben!“ Also hört auf Anna: „Passt auf euch auf und gebt euch eine Chance, einen Weg aus der Magersucht zu finden.“
Für Hilfe im Thema Essstörungen kann jederzeit der Kinderarzt/Hausarzt oder das nächste Krankenhaus aufgesucht werden. Ansonsten findet man unter https://essstoerungen.bioeg.de/hilfe-finden/welche-beratung-gibt-es/telefonberatung/ ein Anonymes Infotelefon zur Erstberatung und unter https://essstoerungen.bioeg.de/hilfe-finden/wie-finde-ich-beratung/datenbank-essstoerungen/ eine Suchleiste für weitere Beratungsstellen in der Nähe.


