Morgens halb sieben und schon auf Zucker-Kurs
Es ist 7:30 Uhr. Der Wecker klingelt, die erste Vorlesung beginnt um 8:15 Uhr. Schnell einen Orangensaft aus dem Kühlschrank, dazu ein Fruchtjoghurt und ein Kaffee für den nächsten Schub. Klingt nach einem normalen Morgen? Ist er auch. Und trotzdem: In dieser einen Stunde haben Studierende womöglich bereits die Hälfte ihrer empfohlenen Tagesmenge an Zucker zu sich genommen.
Das klingt dramatisch, aber es entspricht der Realität von vielen Studierenden auch hier am Campus Lingen.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, dass freier Zucker maximal zehn Prozent der täglich aufgenommenen Energie ausmachen sollte. Das entspricht bei einem durchschnittlichen Erwachsenen rund 50 Gramm pro Tag. Wer diese Menge gedanklich mit einem Schokoriegel oder einer Packung Gummibärchen verbindet, liegt nicht falsch, übersieht dabei aber etwas Entscheidendes.

Wie versteckter Zucker den Studienalltag sabotiert und was du dagegen tun kannst
- Morgens halb sieben und schon auf Zucker-Kurs
- Zucker ist nicht gleich Zucker, aber Zucker ist überall
- Prüfungsphase, Prokrastination, Schokolade
- Versteckter Zucker: das unterschätzte Risiko
- Was Zucker langfristig macht und warum das Studium ein Hochrisikoraum ist
- Süßungsmittel als Lösung? Nicht ganz
- Weniger Zucker im Studienalltag – so geht es wirklich
- Die Zuckerlobby, wenn Wissen käuflich ist
- Zucker neu denken und das Studium klüger gestalten
Zucker ist nicht gleich Zucker, aber Zucker ist überall
Nicht jede Zuckerart wirkt gleich. Das wissen Ernährungswissenschaftlerinnen und Ernährungswissenschaftler seit Jahrzehnten. Trotzdem ist genau dieser Unterschied im Studienalltag kaum jemand bewusst.
Laut der Uniklinik RWTH Aachen ist natürlicher Zucker aus Obst, Gemüse und Vollkornprodukten für den Körper eine wichtige Energie- und Ballaststoffquelle. Zugesetzter Zucker in Backwaren, Softdrinks und Fruchtsäften hingegen ist in hohen Mengen schädlich und genau dieser versteckte Zucker dominiert den Speiseplan vieler Studierende.
Das Universitätsklinikum Zürich (USZ) erklärt, warum das so schwer zu ändern ist. Wenn unsere Geschmacksknospen Süßes wahrnehmen, schüttet das Gehirn das Glückshormon Dopamin aus. Das Belohnungssystem springt an und sendet ein unmissverständliches Signal. Unsere Vorfahren brauchten diesen Mechanismus, weil zuckerreiche Früchte selten und wertvoll waren. Heute ist Zucker überall.
Das Problem ist nicht das Bewusstsein. Das Problem ist die Routine.
Prüfungsphase, Prokrastination, Schokolade
Wer kennt das nicht: Es ist kurz vor der Prüfung, die Konzentration fällt schwer, und die Schublade mit den Süßigkeiten öffnet sich wie von selbst. Gummibärchen, Schokolade, Kekse. Der erste Bissen schmeckt wie eine kleine Belohnung.

OpenAI. (2026). KI-generiertes Bild eines Studenten beim Lernen mit Laptop und Süßigkeiten [Bild]. Erstellt mit DALL·E.
Doch der vermeintliche Energieboost täuscht. Kurzkettiger Zucker lässt den Blutzuckerspiegel rapide steigen und genauso schnell wieder fallen, wie die Ernährungswissenschaftlerin Astrid Laimighofer gegenüber dem Studierendenmagazin medienMITTWEIDA erklärt. Die Konzentration sinkt mit dem Blutzucker. Wer auf Süßigkeiten setzt, um den Kopf klar zu halten, arbeitet also gegen sich selbst.
Und die Zahlen sprechen für sich. Laut einer Studie des Dienstleisters Studitemps, die medienMITTWEIDA zitiert, essen in Prüfungsphasen rund 40 Prozent der Befragten Studierenden mehr Süßigkeiten als sonst. Hinzu kommt: Stress, Schlafmangel und wenig Bewegung – typische Begleiter des Studiums – machen es schwerer, dem Zucker zu widerstehen.
Versteckter Zucker: das unterschätzte Risiko
Wer sich bewusst ernähren will, schaut aufs Etikett. Klingt einfach, ist es aber nicht immer.
Denn Zucker versteckt sich unter vielen Namen wie Glukose, Fruktose, Saccharose, Maltodextrin oder Invertzuckersirup, und die Liste ist lang. Diese Zutaten tauchen in Produkten auf, die man nicht automatisch mit Süßigkeiten verbindet. Salatdressings, Fertigsuppen, Brot, Joghurt, Müsli: All das kann erhebliche Mengen Zucker enthalten.
Der Europäische Rat für Ernährungsinformationen (EUFIC) macht darauf aufmerksam, dass viele Konsumentinnen und Konsumenten die Gesamtzuckermenge in ihren Mahlzeiten systematisch unterschätzen, weil sie versteckten Zucker in scheinbar gesunden Produkten nicht einrechnen.
Diese Lebensmittel überraschen viele mit ihrem Zuckergehalt:
- Fruchtjoghurt (200 g): bis zu 22 g Zucker
- Orangensaft (250 ml): rund 25 g Zucker
- Müsliriegel: 10 bis 18 g Zucker je nach Produkt
- Energydrink (250 ml): bis zu 27 g Zucker
- Ketchup (1 EL): ca. 4 g Zucker
Zusammen ergibt das schon über 50 Gramm und das war noch keine eigentliche Mahlzeit.
Was Zucker langfristig macht und warum das Studium ein Hochrisikoraum ist
Kurzfristig macht zu viel Zucker müde, unkonzentriert und launisch. Langfristig wird es ernster.
Chronisch hoher Zuckerkonsum steht im Verdacht, zur Entstehung von Übergewicht, Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen beizutragen. Forscherinnen und Forscher der Universität Bonn haben in einer Langzeitstudie gezeigt, dass die Zuckerzufuhr in Deutschland zwar seit 2010 kontinuierlich sinkt, sie liegt aber weiterhin über dem von der WHO empfohlenen Wert. Besonders bei jungen Menschen.
Das Studium schafft dabei ideale Bedingungen für zu hohen Zuckerkonsum. Unregelmäßige Mahlzeiten, wenig Schlaf, hoher Stresspegel und ein Budget, das schnelle und günstige Fertigprodukte nahelegt, all das begünstigt eine Ernährungsweise, in der Zucker die Hauptrolle spielt. Oft ohne, dass es jemandem auffällt.
Und das ist der eigentliche Kern des Problems: Nicht das bewusste Naschen ist das Risiko, sondern die tägliche, völlig unbewusste Aufnahme von verstecktem Zucker, die sich summiert.
Süßungsmittel als Lösung? Nicht ganz
Wer Zucker reduzieren möchte, greift oft zu Produkten mit Süßungsmitteln. Light-Cola statt Cola, Stevia statt Zucker. Klingt vernünftig.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) betont, dass Süßungsmittel bei bestimmungsgemäßem Gebrauch gesundheitlich unbedenklich sind und gleichzeitig helfen können, die Kalorienaufnahme zu senken.
Aber: Sie lösen das eigentliche Problem nicht. Wer seinen Körper dauerhaft an intensive Süße gewöhnt, macht es langfristig schwerer, die Geschmackswahrnehmung zu verändern. Das Verlangen nach Süßem bleibt bestehen oder nimmt sogar zu.
Süßungsmittel können eine Übergangsstrategie sein. Eine Dauerlösung sind sie nicht.
Weniger Zucker im Studienalltag – so geht es wirklich
Die gute Nachricht ist, dass kleine Veränderungen große Wirkung haben. Es braucht keinen radikalen Diätplan und kein vollständiges Verzichten auf alles Süße. Es braucht Bewusstsein und ein paar konkrete Strategien.
Hier sind fünf Ansätze, die im Studienalltag funktionieren:
- Etiketten lesen. Nicht nur den Gesamtzucker, sondern auch die Zutatenliste. Alles, das auf „-ose“ endet (Glukose, Fruktose, Saccharose), ist Zucker.
- Getränke tauschen. Wasser, ungesüßter Tee oder schwarzer Kaffee statt Saft, Energydrink oder Softdrink. Das spart oft 25 bis 30 Gramm Zucker, allein am Morgen.
- Snacks bewusst wählen. Nüsse, Obst, Vollkornprodukte oder Naturjoghurt statt Kekse und Riegel. Der Blutzucker bleibt stabiler, die Konzentration länger hoch.
- Mahlzeiten vorbereiten. Wer vorausplant, greift seltener zu Fertigprodukten. Schon eine einfache Pasta mit selbst gemachter Soße spart im Vergleich zu Fertigsaucen oft 10 bis 15 Gramm Zucker.
- Den Heißhunger bremsen. Regelmäßige Mahlzeiten verhindern Blutzuckerschwankungen. Wer nicht mit leerem Magen in die Mensa geht, trifft bessere Entscheidungen.
Das klingt nach Disziplin. Aber der erste Schritt ist kein Verzicht. Es ist nur: hinschauen.
Die Zuckerlobby, wenn Wissen käuflich ist
Wer über Zucker nachdenkt, sollte auch nachfragen, woher das Wissen dazu kommt. Denn nicht alle Studien sind unabhängig.
Die Verbraucherzentrale Hamburg (vzhh) weist darauf hin, dass die Zuckerlobby in der Vergangenheit Forschungsergebnisse aktiv beeinflusst hat. Studien wurden gefördert, die Zucker verharmlosten und Kritiker wurden systematisch angegriffen. Ein Muster, das Verbraucherschutzorganisationen bis heute kritisieren.
Das heißt nicht, dass jede Studie unglaubwürdig ist. Aber es mahnt zur Quellenprüfung. Wer Schlagzeilen wie „Zucker ist gar nicht so schlimm“ liest, sollte fragen, wer dahintersteckt.
Zucker neu denken und das Studium klüger gestalten
Zucker ist kein Gift. Aber er ist auch kein harmloses Genussmittel, wenn er in dieser Menge und Regelmäßigkeit konsumiert wird, häufig unbewusst und unkontrolliert.
Der Studienalltag mit seinen langen Tagen, engen Budgets und hohem Stressniveau ist ein Ort, an dem das Risiko besonders groß ist. Nicht weil Studierende schlechte Entscheidungen treffen, sondern weil das System es ihnen schwer macht, gute zu treffen.
Wer einmal anfängt, Etiketten zu lesen, Getränke zu hinterfragen und Mahlzeiten bewusster zu gestalten, merkt schnell, wie viel Spielraum da ist. Nicht für Perfektion, sondern für ein bisschen mehr Kontrolle.
Und ja, die Schokolade darf bleiben. Nur die Illusion, dass sie das einzige Zuckerproblem ist, die sollte gehen.

