Bio oder Budget? Wie Armut unsere Einkaufsentscheidungen prägt

Bio-Lebensmittel haben längst ihren festen Platz in deutschen Supermärkten. In diversen Cafés, auf Social Media und in politischen Debatten taucht der Begriff „nachhaltiger Konsum“ fast inflationär auf. Für viele klingt das erst einmal sinnvoll: besser für Umwelt, Tiere und manchmal sogar für uns selbst.

Aber sobald wir vor dem Regal stehen- egal ob im Rewe, Aldi, Lidl oder im Unverpacktladen, kommt schnell das ungute Bauchgefühl: Wir würden ja gern Bio kaufen, aber können wir uns das eigentlich leisten?

Und diese Frage ist nicht banal. Sie hat mit Armut zu tun. Gerade Studierende mit eingeschränktem Budget sind besonders betroffen. Oft fehlen Wahlmöglichkeiten, da vielleicht in manchen Wochen das BAföG gerade mal ausreicht für die nötigsten konventionellen Produkte.

Zwischen Moral und Privileg

Im Durchschnitt kosten Bio-Produkte 20 bis 60 % mehr als konventionelle Waren.1 Für Fleisch kann die Preissteigerung sogar noch deutlicher ausfallen. Für Studierende, die Rücksicht auf ihre Ausgaben nehmen müssen, bedeutet das: Die Entscheidung, Bio zu kaufen, fällt oft nicht leicht. Vielleicht kennst du das Gefühl: Du stehst vor zwei Produkten, eines Bio, eines konventionell. Das Bio-Produkt wirkt automatisch „richtiger“, „besser“. Und trotzdem greifst du zum günstigeren.
Manchmal schwingt dann ein schlechtes Gewissen mit, zwar berechtigt, aber leider kommt die Alternative für dich nicht infrage.

Die Gesellschaft vermittelt besonders in den sozialen Medien gern: „Wenn du nachhaltig einkaufst, veränderst du die Welt.“
Doch dieser Satz lässt außer Acht, dass Nachhaltigkeit zunehmend zu einer Einkommensfrage geworden ist. Wer wenig Geld hat, wird moralisch abgehängt. Dabei tragen gerade diese Menschen am wenigsten Verantwortung für die Klimakrise.2

Ein weiterer Punkt, der oft übersehen wird ist, dass nachhaltig einkaufen nicht nur mehr Geld kostet, sondern auch mehr Zeit in Anspruch nimmt. Vergleichen, planen, mehrere Läden anfahren und saisonal einkaufen; all das setzt Ressourcen voraus, die viele Studierende und Menschen mit wenig Geld schlicht nicht haben. Und kochen „wie auf TikTok“ setzt ebenfalls eine funktionierende Küche voraus. Wer in seiner kleinen Ein-Zimmer-Wohnung oder WG lebt, weiß das dies nicht immer gegeben ist.

Armut ist also nicht nur eine Frage des Kontostands, sondern auch eine Frage der verfügbaren Ressourcen und Lebensbedingungen.

 

Der Praxistest: Bio vs. Konventionell im Rewe

Wir haben eine Studierendengruppe von über 120 Teilnehmenden gefragt, und die Mehrheit geht am häufigsten und am liebsten im Rewe einkaufen. Dort haben wir den Praxistest gemacht, um heraus zu finden, wie viel teurer Bioprodukte wirklich sind.

ProduktKonventionell (in €)Bio (in €)
Bananen (1kg)1,991,99
Granatapfel (Stück)1,992,29
Nudeln Fusilli (500g)0,690,85
Hähnchen-Geschnetzeltes (400g)5,495,67
Apfelsaft (1L)0,991,79
Tabelle zum Vergleichseinkauf im Rewe: Konventionell vs. Bio

Der Vergleich zeigt, dass der Preisunterschied nicht immer so eindeutig ist, wie das Klischee vermuten lässt. Manche Bio-Produkte sind deutlich teurer, andere nur leicht. Zudem bestimmt das Sortiment die Entscheidung mit: Hafermilch der Eigenmarken von Rewe gab es ausschließlich in Bio-Qualität, sodass hier gar kein Vergleich möglich war, der Preis lag hier zwischen 0,90€ und 1,99€. Für Studierende bedeutet das: Nachhaltiger einkaufen ist manchmal möglich, aber keinesfalls immer garantiert.

 

Realistisch nachhaltig sein?

Bio hat viele Vorteile. Ökologischer Landbau schont Böden, reduziert Pestizide und wirkt sich nachweislich positiv auf Artenvielfalt und Umwelt aus.3 Doch solange Bio vor allem die Frage des Geldbeutels bleibt, verschärft sich ein Problem: Nachhaltigkeit wird zu etwas, das sich manche leisten können und andere nicht. Hier sollte man einen Kompromiss mit sich selbst machen und die Mitte zwischen Bio und konventionell finden.

Lösungen wären hier zum Beispiel, saisonal einkaufen zu gehen, reduzierte Angebote wahrzunehmen oder ausgewogene Hülsenfrüchte statt Fleisch zu kaufen. Und dennoch gilt, dass niemand die moralische Pflicht hat, Bio zu kaufen, wenn es finanziell oder praktisch nicht möglich ist.

 

Unser kleiner Praxistest im Supermarkt zeigt, dass Bio nicht zwangsläufig Luxus sein muss, bei manchen Produkten aber dennoch bleibt. Studierende leben in einem Spagat zwischen gesellschaftlichen Ansprüchen, finanziellen Grenzen und dem ganz normalen Chaos des Alltags.

Nachhaltigkeit sollte unser Ziel bleiben, aber kein Maßstab für faire Werte in einer moralischen Welt sein. Wenn Politik, Wirtschaft und die Gesellschaft nachhaltige Ernährung wirklich wollen, müssen sie angepasste Rahmenbedingungen schaffen, die es allen ermöglicht, grüner zu Leben.


  1. Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE): Ökobarometer 2023 – Konsum und Einstellungen zu Bio-Lebensmitteln, Berlin 2023. ↩︎
  2. Oxfam Deutschland: Confronting Carbon Inequality – Carbon Emissions & Income Levels, 2020. ↩︎
  3. Umweltbundesamt: Ökologischer Landbau – Umweltwirkungen im Überblick, Dessau 2022. ↩︎

 

Unserer Partner

Kaiserstraße 10b | 49809 Lingen
Lorem ipsum dolor sit amet, consetetur sadipscing elitr, sed diam nonumy eirmod tempor invidunt ut labore et dolore magna aliquyam erat

Weitere Beiträge

Good News der Woche

DIE GOOD NEWS DER WOCHE

Die Sonne scheint und es ist Freitag. Das einzige was jetzt noch für ein gutes Wochenende fehlt, ist eine Ladung Good News!