Eva's Weg durch den Verlust - Tabuthema Sternkind
Ein Interview von Rebecca Miller und Seryna Rachwalski
Triggerwarnung: Dieser Artikel enthält Themen zu Kindesverlust, Trauer und emotional belastenden Erfahrungen.
„In meinem Umfeld haben schon viele Personen einen Kindesverlust während der Schwangerschaft erlitten. Das hat mir gezeigt, dass es gar nicht so unüblich ist.“
Eva
Ein Kinderwunsch, der schon lange da war und endlich Wirklichkeit wird. Die Freude ist groß, kaum in Worte zu fassen. Plötzlich wird diese Freude von einer traurigen Nachricht verdrängt: „Ihr Kind wird nach der Geburt maximal 1-2 Stunden überleben.“
Eine Nachricht, die alles verändert und einem den Boden unter den Füßen wegreißt.
Eine Entscheidung, die niemand treffen möchte, doch die getroffen werden muss.
Was passiert nun, wie kann man einen Schwangerschaftsabbruch durchstehen und wie fühlt man sich dabei?
Wir haben uns mit Eva (27) getroffen, die diese Situation durchleben musste. Sie erzählt uns von Ihrem Schicksalsschlag.
Eva ist 26 Jahre alt und schwanger. Sie und Ihr Partner arbeiten Vollzeit, haben eine gemeinsame Wohnung und ihre Lebensumstände sind gefestigt. Die beiden werdenden Eltern freuen sich auf die kommende Zeit, bereiten sich vor und verfolgen, wie sich das Kind entwickelt. Die Schwangerschaft ist in der 13. Woche und das Kind ist zu diesem Zeitpunkt etwa so groß wie eine Kiwi.
Die Vorsorgeuntersuchung, die alles ändern sollte
„Ich war bei meiner Frauenärztin zur Vorsorgeuntersuchung. Im Anschluss hat Sie mich zu einem Gynäkologen in einer Klinik weitergeleitet, da ich zuvor Medikamente nehmen musste aufgrund der Übelkeit in der Schwangerschaft.
In der Klinik hat mich erst eine Assistenzärztin untersucht. Dabei hat Sie mir den Ultraschal sowie den Herzschlag gezeigt. Der Oberarzt hat parallel, von einem anderen Ort, in meine Untersuchungsunterlagen geschaut. Er kam rein, hat kurz den Monitor betrachtet und die Assistenzärztin weggeschickt.“
Wie hast du erfahren, dass du die Schwangerschaft abbrechen musst?
„Zwei weitere Personen wurden dazu geholt. Wo ich gedacht habe: Ist das jetzt für mich oder nicht? Es hat sich herausgestellt, dass es eine weitere Oberärztin und Seelsorgerin sind.
Der Oberarzt hat mir die Situation erklärt, währenddessen war die Seelsorge auch dabei und eine weitere Ärztin, um den Verdacht zu kontrollieren.
Mir wurde gesagt dadurch, dass die Schädeldecke nicht vorhanden war, würde das Kind nach der Geburt nur ein oder zwei Stunden überleben.“

Wie hat sich der Moment angefühlt, als dir gesagt wurde, dass du dein Kind verlieren wirst?
„Es war schlimm. Ich habe die Welt nicht mehr verstanden – Also einmal komplett auf den Kopf gedreht. Vor dem Termin habe ich gedacht, dass es nach der kritischen Zeit wieder bergauf geht und nicht mehr viel passieren kann, da ich in der 13ten Woche war. Ab dem Zeitpunkt wird eigentlich gesagt, dass Kind sei sicher.“
Was hast du direkt nach dem Termin gemacht?
„Mein Bruder hat mich nach dem Termin vom Krankenhaus abgeholt, da ich nicht fahren wollte und konnte. Zuhause angekommen habe ich ihm die Situation erklärt. Gemeinsam haben wir uns darum gekümmert, dass unsere Mutter, mein Partner und unser Stiefvater sehr schnell nach Hause kommen, damit ich allen die Situation persönlich erklären konnte. Sie waren sehr geschockt und haben die Welt nicht mehr verstanden.
Ich hätte das Kind austragen können, aber habe mich bewusst dagegen entschieden, weil ich dieses Erlebnis nicht durchleben wollte. So kam es nach ruhiger Überlegung dazu, dass ich mich für die Abtreibung entschieden habe. Weitere Möglichkeiten wurden mir auch aufgezählt.“
Wie sind die Planung und der Abbruch abgelaufen?
„Am nächsten Tag habe ich in der Klinik angerufen und für die folgende Woche einen Termin für den Abbruch bekommen.
Meine Familie und mein Freund sind mit mir hingefahren. Er war die ganze Zeit, soweit es machbar war, bei mir. Ich hatte einen ambulanten operativen Abbruch. Dieser hat ambulant und nicht stationär stattgefunden.”
Wie hast du dich vor dem Eingriff gefühlt?
“Der Prozess vor der OP mit den Aufklärungen, Vorbereitungen und Voruntersuchungen hat an diesem Tag sehr lange gedauert. Das war im Vorfeld ein wenig überfordernd für mich.
Angst hatte ich nicht. Das Kind ist da, und danach ist das Kind weg. Dieses Gefühl danach war schlimm. Vor der OP war ich sehr aufgeregt. Im Operationsraum war das Team sehr nett. Sie haben mir nochmals Ihr Beileid ausgesprochen, bevor es losging.
Das Gefühl an sich war nicht schön, weil ich so viele Gedanken in dem Moment hatte. Ich wollte es einfach hinter mir haben. Ich wusste gar nicht, dass es verschiedene Möglichkeiten für einen Schwangerschaftsabbruch gab. Ich habe eigentlich gedacht, als ich gesagt habe, ich will einen Abbruch, dass das dann einfach so läuft.”

Wie ging es dir danach?
„Nach dem Abbruch ging es mir sehr schlecht, körperlich und psychisch. Ich war blass und hatte starken Eisenmangel. Es hat zwei Wochen gedauert, bis ich mit den Folgen des Eingriffs zurechtgekommen bin. Mit dem Verlust unseres Kindes werde ich psychisch mehr Zeit benötigen, um mit der Situation umgehen zu können. Es ist ein starker Verlust gewesen.
Kurz nach dem Abbruch hatte ich Schmerzen im Bauch. Ich musste regelmäßig, über zwei Wochen hinweg, zur Untersuchung, weil ich immer noch Blutungen hatte.
Das ist alles sehr schmerzhaft gewesen – wie starke Regelschmerzen.
Mir war zwei Wochen lang schwindelig. Das habe ich momentan auch noch, ab und an.“
Wie hast du dich mit dem Thema Verlust vor und nach dem Abbruch auseinandergesetzt?
„Ich habe mich mit meiner Psychologin über meine Lage auseinandergesetzt. Außerdem habe ich zu dieser Zeit erfahren, dass in meinem Umfeld schon viele Personen einen Kindesverlust während der Schwangerschaft erlitten haben. Das hat mir gezeigt, dass es gar nicht so unüblich ist.
Meine Frauenärztin hat mir gesagt, sollte ich wieder schwanger werden, müsste ich viel mehr beobachtet werden. Heißt also mehr Untersuchungen und Besuche in der Klinik. Ich würde viel mehr Untersuchungen bekommen und öfter zu einem Spezialisten weitergeleitet werden. Außerdem wurde mir direkt gesagt, dass es nichts Genetisches und nichts Ungewöhnliches ist, aber selten vorkommt.“
Welche Unterstützung hast du von der Seelsorge bekommen?
„Die Seelsorge im Krankenhaus hat mir die Möglichkeit für ein direktes Gespräch nach dem Termin angeboten, welches ich nicht in Anspruch genommen habe, da ich die Zeit für mich brauchte, um die Situation emotional zu verarbeiten. Nach meiner Auseinandersetzung mit der Situation habe ich psychologische Hilfe in Anspruch genommen. Ich habe einer externen Therapeutin meine Situation per E-Mail geschildert und dabei hat Sie den Ernst der Lage verstanden und ich habe zeitnah einen Termin bei Ihr bekommen. Für ein Telefonat war ich in diesem Moment noch nicht bereit. ”
Was hat dir nach dem Verlust Halt gegeben?
„Ich habe viel mit meinem Partner und meiner Familie geredet, denn sie haben auch ein Kind und ein Enkelkind verloren. Das ist für alle Seiten ein großer Verlust gewesen.
Dabei waren alle für mich da, was sehr schön für mich war. Sie haben versucht, mich abzulenken und mich in meiner Trauer zu unterstützen.“
Wie haben sich deine Gefühle während der ganzen Zeit verändert?
„Am Anfang waren die Gefühle sehr negativ. Ich habe vieles nicht mehr verstanden. Ich war am Boden zerstört. Dennoch wollte ich etwas in meinem Leben verändern.
Meinen Beruf wollte ich kündigen, um ein neues Kapitel aufzuschlagen. Den alten Beruf hatte ich nur wegen der Schwangerschaft weiter ausgeübt.
Nach der Kündigung hat es sich psychisch etwas positiver entwickelt.
Zum Winter hin wurde es wieder ein bisschen schlechter, dadurch, dass ich vorher schon an Depressionen gelitten habe, war wieder vieles sehr negativ. Da rauszukommen ist und war nicht leicht. Ich bin immer noch nicht ganz raus.“
Habt Ihr für euer Kind ein Ort des Gedenkens?
„Zwei Wochen nach dem Abbruch war ich mit meiner Mutter einkaufen und habe ein kleines Engelchen und eine Gedenktafel in Herzform gesehen und gekauft. Die habe ich bei meinem Vater auf das Grab als Andenken gestellt. Das war für mich der Moment, in dem ich mich wirklich verabschieden konnte. Zudem tut es gut zu wissen, dass mein verstorbenes Kind einen Platz hat, wo mein Vater über mein Kind wacht. Es ist jetzt beiseinem Großvater.
Ich habe mich auch dafür entschieden, mir ein Stern Tattoo stechen zu lassen, also das Symbol für ein Sternenkind.“

Was ist ein Sternenkind?
Als Sternenkind bezeichnet man verstorbene Kinder, wenn sie vor, während oder kurz nach der Geburt verstorben sind.
Was hat sich in eurer Beziehung und bei der zukünftigen Kinderplanung geändert?
„Wir sind noch enger zusammengewachsen, weil wir das gemeinsam durchlebt haben. Er hat auch Schwierigkeiten mit dem Verlust gehabt, natürlich andere als ich. Man merkt trotzdem, dass es bei uns beiden Spuren hinterlassen hat.
Die Kinderplanung ist nach hinten gerutscht, weil besonders ich erst mal psychisch wieder stabil sein muss. Ich möchte für mein zukünftiges Kind voll und ganz da sein, um Sicherheit und Stabilität zu geben. Das hat mir auch die Psychologin geraten.“
Was hast du mit den Babyartikel, wenn du schon welche hattest, gemacht?
„Ich hatte eine Badewanne und ein Babybett gekauft. Diese Sachen haben wir dann erstmal in die Garage geräumt. Aus den Augen, aus dem Sinn. Jetzt, da es mir besser geht, werde ich das nach und nach alles weggeben.
Meine Mama hat mir ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Oma und Opa“ für das Baby geschenkt und meine Hebamme eine Flasche. Wenn ich das T-Shirt und die Flasche angeschaut habe, war es in den ersten Monaten schlimm. Ich habe die einfach beim Aufräumen verstaut, weil es mir schwerfällt, wenn ich mich damit beschäftige. Die sind auch jetzt noch schwierig für mich anzuschauen. Ich habe die Dinge zusammen in eine Kiste gelegt und erst einmal zur Seite gestellt, für die Zukunft.
Jetzt ist immer noch dieses „Was wäre, wenn…“. Aber es sollte nicht so sein. Es ist schade, aber es ist nicht weg. Ich kann noch Kinder kriegen, das ist das Gute. Es ist mir nicht genommen worden. Deswegen sehe ich das Ganze noch mit gemischten Gefühlen.”
Was bekommt deiner Meinung nach in der Diskussion zum Thema Schwangerschaftsabbruch nicht genügend Aufmerksamkeit?
„Fälle wie ich ihn erlebt habe oder dass es auch spezifische Krankheiten gibt, wegen denen man das Kind abtreiben muss. Oft wird alles in eine Schublade geschoben. Nach dem Motto: Abtreibung ist Abtreibung. Dabei gibt es verschiedene Gründe, warum man sich für diesen Weg entscheidet.
Bei mir war es, weil das Kind nicht lebensfähig war. Es gibt auch Fälle, in denen das Kind schwer erkrankt ist oder nicht in die momentane Lebenslage passt, zum Beispiel, wenn man den Vater bei einem Autounfall verloren hat und plötzlich allein dasteht und nicht weiß, wie man das schaffen soll.“
Was möchtest du Personen in einer ähnlichen Situation mitgeben?
„Ihr seid nicht allein. Es sind viele Menschen. Manche muss man vielleicht erst darauf ansprechen. Ich wusste nicht, dass meine Cousine das auch schon erlebt hat, das habe ich erst im Nachhinein erfahren.
Viele machen es mit sich selbst aus. Aber es sollte kein Tabuthema sein, es gehört zu dem Thema Schwangerschaft dazu. Man kann sich über viele verschiedene Wege Hilfe holen. Und man sollte sich auch damit auseinandersetzen.
Wenn man das nicht macht und es verdrängt, kommt es immer wieder. Das macht einen eher kaputt statt das es einem hilft.”
Vielen Dank, Eva, für deine Offenheit und das wir deine Geschichte teilen dürfen!
Wenn Ihr in einer ähnlichen Situation seid, sucht euch Hilfe! Die folgenden Nummern haben immer ein offenes Ohr für euch:
Telefonseelsorge 0800/1110111
Schwangere in Not 0800/ 4040020
