Mythos Multitasking: Dein Gehirn kann das gar nicht

Vor mir sind vierzehn Tabs offen, daneben die PDF und in der Ecke blinkt irgendwo noch WhatsApp. Ich lese einen Absatz von der PDF, tippe dann schnell eine Antwort auf WhatsApp, gehe dann zurück zur PDF und lese denselben Absatz noch einmal, weil ich keine Ahnung mehr habe, was da stand. Und das soll produktiv sein? So sieht Multitasking beim Lernen in echt aus.

Kennst du das?

Wir halten uns gern für gute Multitasker. Die Wahrheit ist aber unbequem: Multitasking beim Lernen funktioniert nicht so, wie wir es gerne denken.

Dein Gehirn macht nämlich gar nicht mehrere Sachen gleichzeitig. Es tut nur so. Und das kostet dich mehr als du merkst.

Das Gefährliche beim Ganzen ist das Gefühl. Multitasking fühlt sich nach Fleiß an. Du bist ständig in Bewegung, klickst, tippst, wechselst, und am Abend bist du dann müde. Nur heißt müde leider nicht automatisch, dass viel hängen geblieben ist.

Dein Gehirn schaltet in Wirklichkeit nur um

Was wir Multitasking nennen, ist in Wahrheit nur ein schnelles Hin- und Herspringen. Bei allem, was echte Aufmerksamkeit braucht, kann dein Kopf immer nur eine Sache auf einmal machen. Er wechselt nur so schnell zwischen den Aufgaben hin und her, dass es sich für uns anfühlt wie gleichzeitig.

Und jeder dieser Wechsel kostet. Die Forscher David Meyer, Joshua Rubinstein und Jeffrey Evans beschrieben schon 2001, was heute auch die Amerikanische Psychologische Gesellschaft (APA) so zusammenfasst: Ständiges Umschalten zwischen Aufgaben kann bis zu 40 Prozent von deiner produktiven Zeit fressen. Nicht, weil ein einzelner Wechsel lange dauert, sondern weil sich die vielen kleinen Wechsel mit der Zeit summieren.

Dazu kommt dann noch die Erholzeit. Die Forscherin Gloria Mark hat gezeigt, dass es im Schnitt rund 23 Minuten dauert, bis man nach einer Unterbrechung wieder voll bei der ursprünglichen Aufgabe ist. Das heißt: Die schnelle Antwort auf WhatsApp kostet dich nicht dreißig Sekunden. Sie kostet dich den roten Faden.

Und es geht nicht nur um Zeit. Wer ständig wechselt, macht zusätzlich noch mehr Fehler und behält weniger. Denn wenn du mitten im Lernen unterbrochen wirst, speichert dein Gehirn den Stoff nicht sauber ab. Du liest zwar, aber es bleibt weniger hängen, als wenn du am Stück dranbleibst.

Es reicht schon, wenn dein Handy nur daliegt

Am meisten unterbricht dich dabei ein einziges Gerät: dein Handy. Und das Verrückte dabei ist, dass du es dafür nicht einmal benutzen musst.

Eine interessante Studie um den Forscher Adrian Ward zeigte im Jahr 2017, dass schon die bloße Anwesenheit des eigenen Handys die verfügbare Denkleistung senkt. Bei den Versuchen schnitten Menschen, deren Handy in einem anderen Raum lag, besser ab als die, bei denen es auf dem Tisch lag. Und zwar egal, ob es an oder aus war und ob das Display nach oben oder nach unten zeigte. Am stärksten traf dieser Effekt übrigens die, die ohnehin kaum ohne ihr Handy können.

Der Grund dafür ist: Ein Teil deines Kopfes ist die ganze Zeit damit beschäftigt, das Handy gerade nicht in die Hand zu nehmen. Dieses ständige Sich-Zurückhalten verbraucht die Ressourcen, die dir dann beim Lernen fehlen. Dein Handy muss also gar nicht klingeln, um dich abzulenken. Es reicht, dass es einfach nur da ist.

Das ist aber kein Zufall. Apps sind darauf ausgelegt, deine Aufmerksamkeit zu holen und dann auch zu halten: mit Vibrationen, roten Zahlen und Feeds, die nie enden. Gegen dieses Design mit reiner Willenskraft anzukämpfen, ist anstrengend, und meistens verlierst du es auch. Deshalb ist es klüger, dem Handy diese Bühne gar nicht erst zu geben.

Was gegen Multitasking beim Lernen wirklich hilft

Die Lösung klingt langweilig und trivial, wirkt aber sofort: eins nach dem anderen machen.

Fang beim Handy an. Leg es in einen anderen Raum, statt es einfach auf lautlos zu stellen. Wenn das nicht geht, dann leg es wenigstens in die Tasche, irgendwo außer Sichtweite. Denn der Unterschied ist größer, als du denkst.

Dann räum den Bildschirm auf. Ein Dokument, ein Tab, eine Aufgabe. Nachrichten und Mails checkst du nicht ständig nebenbei, sondern gebündelt in festen Blöcken, zum Beispiel einmal pro Stunde. So bleibt die Ablenkung planbar, statt dich alle paar Minuten aus dem Text zu reißen. Hilfreich ist auch der Fokus-Modus am Handy oder Laptop, der Benachrichtigungen für eine Weile stummschaltet.

Und arbeite in Abschnitten. Fünfundzwanzig oder vierzig Minuten nur die eine Sache machen, dann eine kurze Pause. In der Pause darfst du dann auch aufs Handy schauen. Danach kommt dann der nächste Abschnitt. Klingt simpel, macht aber genau den Unterschied zwischen beschäftigt und produktiv.

Du musst das aber natürlich nicht sofort perfekt machen. Fang mit einem einzigen Block pro Tag an, in dem das Handy im anderen Raum liegt. Wenn du merkst, wie viel du in dieser halben Stunde schaffst, kommt der Rest schon fast von allein.

Wenn Multitasking zur Gewohnheit wird

Bis hierhin ging es nur um einzelne Lerneinheiten. Es gibt aber noch eine größere Frage: Was macht ständiges Multitasking mit dir denn auf Dauer?

Ein Experiment der Stanford University von 2009 ging genau dieser Frage nach. Die Forscher Eyal Ophir, Clifford Nass und Anthony Wagner verglichen Menschen, die ständig viele Medien parallel nutzen, mit solchen, die das selten tun. Sie suchten nach der heimlichen „Superkraft“ der Vielbeschäftigten. Und fanden keine.

Ganz im Gegenteil: Die Dauer-Multitasker schnitten schlechter darin ab, Unwichtiges auszublenden. Sie ließen sich leichter von Nebensächlichem ablenken. Einfach alles lenke sie ab, brachte es der Forscher Nass später auf den Punkt.

Ehrlich bleiben muss man aber trotzdem: Die Studie zeigt erstmal nur einen Zusammenhang, keine klare Ursache. Vielleicht macht Multitasking ablenkbar, vielleicht greifen ablenkbare Menschen aber auch einfach öfter zu mehreren Dingen gleichzeitig. Und spätere Untersuchungen fielen gemischt aus. Also noch kein Grund zur Panik.

Die Richtung aber bleibt trotzdem: Wer übt, sich auf nur eine Sache zu konzentrieren, trainiert etwas, das weit über die nächste Klausur hinaus Nutzen haben wird.

Eine Aufgabe nach der anderen

Am Ende ist Multitasking beim Lernen also weniger eine Superkraft und mehr ein großes Missverständnis. Dein Gehirn belohnt dich nicht dafür, dass du fünf Sachen anfängst. Es belohnt dich dafür, dass du eine Sache zu Ende bringst. Das fühlt sich am Anfang ungewohnt langsam an, ist aber in Wirklichkeit der schnellere Weg.

Probier es beim nächsten Mal einfach aus. Ein Tab, ein Blatt und das Handy im anderen Zimmer. Wahrscheinlich wirst du überrascht sein, wie viel eine einzige ungestörte Stunde plötzlich wert ist.

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