Wer im Studium erfolgreich sein will, braucht vor allem sich selbst. Dieses Bild hält sich hartnäckig – in Ratgebern, auf Social Media, in der Art, wie Hochschulen ihre Studierenden ansprechen. Eigenverantwortung als oberstes Prinzip. Darin steckt jedoch ein Problem, welches selten benannt wird.
Selbstständigkeit ist im Studium tatsächlich eine Kernkompetenz. Niemand läuft einem mehr hinterher, wenn Hausaufgaben fehlen oder die Fehlzeiten zu hoch werden. Stundenplan, Fristen, Prüfungsanmeldungen – das alles liegt plötzlich in den eigenen Händen. Das stimmt, und ist auch so gewollt. Was dabei aber mitschwingt, ist etwas anderes:
dass Selbstständigkeit bedeutet, alles allein zu schaffen.
Dass man schwach ist, wenn es zu viel wird. Dass Hilfe holen ein Eingeständnis ist, von Überforderung, von Unfähigkeit, vielleicht sogar davon, nicht hierher zu gehören.
Alle anderen schaffen es ja auch, sie arbeiten nebenbei, treiben Sport und schreiben trotzdem die besten Noten.
Dieses Bild ist nicht nur falsch, es schadet auch den Studierenden.
(Bild von Pexels)

„Ich hatte oft das Gefühl, dass andere besser sind als ich“, erzählt eine Studierende. „Nach einer nicht bestandenen Klausur dachte ich, ich bin nicht gut genug. Erst im dritten Semester habe ich verstanden, dass es den meisten eigentlich genauso geht wie mir.“
Die Zahlen dahinter
Dass Studierende tatsächlich an diesem Druck leiden, belegen auch die Zahlen. Laut einer Befragung von über 2.000 Studierenden in Deutschland und in Österreich stuften 52 Prozent ihre psychische Gesundheit als nicht gut bis schlecht ein. Als häufigste Belastungsfaktoren nannten sie psychische Probleme, finanzielle Sorgen, Prüfungsdruck, sowie Überforderung durch den Studienalltag.
Das ist längst keine Randerscheinung mehr, sondern betrifft die Mehrheit. In einer weiteren Studie gaben 39,4 Prozent der Befragten an, sich durch ihr Studium ausgebrannt zu fühlen. Gleichzeitig gaben in einer anderen Erhebung 68 Prozent der Befragten an, nicht das Gefühl zu haben, mit Lehrenden oder Tutorinnen und Tutoren über ihre mentale Gesundheit sprechen zu können.
Wer also Unterstützung braucht, bleibt damit oft allein. Hinzu kommt, dass, wer wenig soziale Einbindung hat, ein 4,5-fach erhöhtes Stressrisiko trägt. Isolation macht krank. Das ist nicht nur ein Gefühl, sondern die Realität.
Gemeinschaft ist keine Schwäche

Dabei wäre die Konsequenz, die aus diesen Zahlen zu ziehen ist, eigentlich naheliegend.
Wer weniger allein ist, trägt weniger Last, das legen die Daten nahe. Soziale Einbindung schützt nicht nur die Psyche, sie verbessert auch die Studienleistung.
Wer sich in Lerngruppen organisiert, Rückmeldungen einholt und Fragen stellt, lernt nachweislich effizienter.
Selbstständigkeit und Gemeinschaft schließen sich also nicht aus, sie bedingen sich.
(Bild von Pexels)
Das kann ganz einfach anfangen: jemanden im Seminar ansprechen, eine Lerngruppe gründen oder einfach einer Freundin sagen, dass gerade alles zu viel ist. Wer dann merkt, dass es mehr als ein gutes Gespräch braucht, kann sich auch an die psychologische Beratungsstelle der Hochschule wenden.
Es ist nicht notwendig, Probleme und Sorgen herunterzuschlucken, nur um den Schein des perfekten Studierenden zu wahren. Im Studium muss man nicht perfekt sein. Man darf gestresst sein, man darf sich Sorgen machen und es darf auch alles einfach mal nervig sein. Aber man muss das nicht allein tragen. Sorgen, Zweifel und Ängste zu teilen, kann Stress reduzieren und dabei helfen, handlungsfähig zu bleiben. Denn am Ende ist man mit diesen Gefühlen nicht allein, andere haben sie auch. Diese Erkenntnis haben auch Studierende selbst:
„Im Studium ist es wichtig, vernetzt zu sein.
Meistens weiß nie jemand alles, sondern jeder weiß ein bisschen und das trägt sich zusammen. Wie ein großes Puzzle.“
Vielleicht ist das hartnäckigste Missverständnis im Studium, dass die anderen es wirklich allein hinbekommen. Wahrscheinlich tun sie es nicht. Sie tun nur so, und solange das der unausgesprochene Standard bleibt, zahlen alle den Preis dafür, still und allein. Eigenverantwortung bedeutet auch, zu wissen, wann man sich Hilfe holen muss. Darin liegt keine Schwäche.
Literaturverzeichnis
Internetquellen:
Mental-Health-Barometer 2022: Ergebnisse der Studie
Mentale Gesundheit im Studium: trotz Stress dranbleiben | Deutsches Architektenblatt