Mein Studium im Fahrplanmodus

Pendeln am Morgen

Es ist 08:05 Uhr. Die Anzeigetafel über Gleis 2 flackert kurz, dann steht es fest: Zug hat zehn Minuten Verspätung. Ich stelle meinen Kaffeebecher auf den Boden, ziehe den Kragen hoch und starre auf die Schienen. Neben mir wartet eine Frau im Hosenanzug, ihr Laptop bereits aufgeklappt auf dem Schoß. Weiter hinten döst jemand mit geschlossenen Augen gegen einen Snackautomaten gelehnt. Wir alle kennen diesen Bahnsteig in- und auswendig. Das ist das Studium als Pendler. 

Mein Studium beginnt nicht mit dem ersten Ton in der Vorlesung. Es beginnt hier, mit dem Geräusch der einfahrenden Bahn, mit dem kurzen Schubs in den Waggon und mit der Frage, ob ich heute noch einen Sitzplatz bekomme oder stehend lernen werde. 

Der Fahrplan entscheidet, nicht ich

Es gibt Vorlesungen, die ich gerne besucht hätte. Veranstaltungen, die interessant klangen, Seminare, die auf dem Papier gut in meinen Plan gepasst hätten. Nur der Zug passte nicht. 

Das klingt nach einer simplen Logistikfrage, ist aber mehr als das. Wer pendelt, plant sein Studium nicht nach Inhalten oder Interessen, sondern nach Abfahrtszeiten. 9 Uhr Vorlesung bedeutet: Ich bin um 7 Uhr auf. Spätveranstaltung um 17 Uhr bedeutet: Ich komme gegen 20 Uhr nach Hause, wenn nichts dazwischenkommt. Und zwischen diesen Eckpunkten sitzt eine stille Überlegung: Ist es das wert? 

Manchmal sage ich nein. Nicht weil ich faul bin, sondern, weil das Gehirn irgendwann eine Grenze zieht, die ich nicht ignorieren kann. 

Was im Zug wirklich passiert

Es gibt diese romantische Vorstellung vom produktiven Pendeln im Studium. Statt auf Instagram zu scrollen, liest man Bücher, hört Podcasts, schreibt Seminararbeiten. Die Bahn als rollender Arbeitsplatz, unterwegs erfolgreich sein. 

Die Realität ist etwas unaufgeregter. Manchmal lerne ich tatsächlich. Ich lese Texte, die ich abends nicht mehr schaffe, schreibe Zusammenfassungen, checke Mails. An guten Tagen fühlt sich die Fahrt produktiv an, fast wie eine geschützte Zeit ohne Ablenkung. 

An anderen Tagen schaue ich einfach aus dem Fenster. Beobachte, wie sich die Landschaft von meiner Heimatstadt in Richtung Hochschule verändert, wie die Häuser dichter werden, wie die Gesichter im Abteil wechseln. Ich denke nach. Manchmal schlafe ich fast ein. 

Was der Zug mir nicht gibt, ist Konstanz. Manchmal ist er voll, zu laut, zu warm. Manchmal ist der Handyakku leer, das Netz schlecht, die Person daneben am Telefonieren. Der Plan, auf der Fahrt mit Kapitel Vier meines Buches fertig zu werden, erfüllt sich heute nicht. 

Campus-Leben ohne mich

Es gibt einen Moment, den ich kenne und nicht mag. Es ist der Moment, wenn jemand in der Gruppe fragt: „Kommst du heute Abend noch mit?“ Und ich rechne: Wann fährt der letzte Zug. Wie lange würde das dauern. Welche Anschlüsse gibt es. 

Meistens sage ich ab. 

Lerngruppen, die spontan nach der Vorlesung entstehen, Abendveranstaltungen, Partys am Donnerstag, das gemeinsame Kochen in der WG eines Kommilitonen: All das passiert in einer Stadt, die für mich täglich erreichbar, aber nie wirklich heimelig ist. Ich besuche meinen Campus. Ich lebe dort nicht. 

Das ist ein Unterschied, den man unterschätzt, solange man nicht selbst pendelt. Studium ist nicht nur Studienplan und ECTS-Punkte. Es ist auch die Mensa um 12, das Gespräch in der Halle, das Zufallstreffen vor der Bibliothek. Es ist die Energie, die entsteht, wenn man einfach da ist. Wer jeden Abend nach Hause fährt, verpasst einen Teil davon. Nicht alles. Aber einen Teil, der sich schwer benennen lässt und trotzdem fehlt. 

Die Kosten, die niemand einkalkuliert

Das Studium als Pendler kostet Geld, das weiß ich. Semesterticket, manchmal ein ICE-Ticket, wenn kein anderer Zug fährt, gelegentlich ein Taxi, wenn die Bahn wieder einmal nicht kommt. Aber die eigentlichen Kosten sind schwerer zu beziffern. 

Es ist die Stunde am Morgen, in der andere noch schlafen. Es ist der halbe Tag, den ich nach einer besonders langen Vorlesungswoche einfach nur brauche, um zu regenerieren. Es ist die Energie, die ich vor dem ersten Satz in der Vorlesung schon teilweise verbraucht habe. 

Es ist auch das Nicht-Spontane. Wer im Studium pendelt, plant immer. Ich überlege zweimal, ob ich noch kurz in die Unibibliothek gehe, ob ich die Sprechstunde spontan mitnehme, ob ich das nächste Treffen in Lingens Innenstadt noch besuche. Jede Entscheidung hängt an einer Abfahrtszeit. Das zermürbt auf eine Weise, die man erst bemerkt, wenn mal ein freier Tag kommt, an dem man einfach schaut, wohin er einen trägt. 

Was ich trotzdem gelernt habe

Es wäre unehrlich, nur zu klagen. Das Pendeln im Studium hat mich etwas gelehrt, das ich in keinem Seminar gelernt hätte: Ich weiß, wie ich meine Zeit einteile. Ich weiß, was ich mit zwei Stunden Bahnfahrt anfangen kann und was nicht. Ich habe eine Disziplin entwickelt, die nicht aus Ehrgeiz kommt, sondern aus der schlichten Notwendigkeit, mit knappen Ressourcen auszukommen. 

Die Strecke ist mein Ritual geworden. Morgens fährt der Kopf hoch, abends fährt er runter. Die Bahn ist kein Übergang zwischen zwei Orten, sondern ein eigener Raum, der mir gehört. Manchmal ist sie das Ruhigste an meinem Tag. 

Und ich habe gelernt, nein zu sagen. Nicht zu allem, aber früher als andere. Wer seinen Kalender gegen den Fahrplan abwägen muss, wird schnell gut darin, Prioritäten zu setzen. 

Gleis 2, Abendfahrt

Es ist 19:22 Uhr. Die Bahn fährt pünktlich. Draußen zieht Münster Nord langsam an mir vorbei, die Straßenlaternen zünden gerade an, jemand gegenüber schläft bereits. Ich lehne den Kopf an die Scheibe und denke daran, was ich morgen noch abgeben muss. 

Mein Studium findet zwischen zwei Anzeigetafeln statt. Zwischen Gleis 2 in Münster morgens früh und dem Abfahrtsmonitor am Abend. Es ist lauter und erschöpfender, als ich es mir vorgestellt hatte. Und es ist trotzdem meins. 

Nächste Station: zu Hause. 

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