Warum Tiere oft die besten Therapeuten sind

Ich bin mit Haustieren aufgewachsen. Nach einem stressigen Tag mit dem Hund spazieren zu gehen oder einfach ein paar Minuten mit ihm auf dem Sofa zu sitzen, gehört für mich ganz selbstverständlich dazu. Trotzdem habe ich lange nie darüber nachgedacht, warum sich die Nähe zu einem Tier eigentlich so gut anfühlt. Dass dahinter weit mehr steckt als ein schönes Gefühl, wurde mir allerdings erst bewusst, als ich vor kurzem auf einen Bericht über einen Besuchshundedienst in einem Altenheim gestoßen bin. Darin wurde beschrieben, wie Hunde Bewohnerinnen und Bewohner ein Lächeln ins Gesicht zaubern, Gespräche anregen und sogar Menschen mit Demenz erreichen können. Das hat mich neugierig gemacht. Warum können Tiere etwas bewirken, was Menschen manchmal nicht gelingt? Und wie gut sind diese positiven Effekte eigentlich wissenschaftlich belegt?

Die positiven Auswirkungen der Mensch-Tier-Beziehung sind längst kein Bauchgefühl mehr. Seit den 1960er Jahren beschäftigen sich Forschende intensiv mit der Frage, welchen Einfluss Tiere auf unsere körperliche und psychische Gesundheit haben.

Die Idee, Tiere gezielt therapeutisch einzusetzen, ist allerdings deutlich älter. Bereits Ende des 18. Jahrhunderts wurden Tiere in England bewusst in der Behandlung psychisch erkrankter Menschen eingesetzt. Seitdem hat sich die tiergestützte Therapie kontinuierlich weiterentwickelt und findet heute unter anderem in der Medizin, Psychologie und Pflege Anwendung (Compitus, 2023). Zahlreiche Studien zeigen inzwischen, dass Haustiere Stress reduzieren, soziale Kontakte fördern und das Wohlbefinden steigern können, nicht nur im Alter, sondern in jeder Lebensphase (BAGSO, 2019; Compitus, 2023).

 

Eine jahrtausendealte Beziehung

Die enge Beziehung zwischen Menschen und Tier reicht weit über die wissenschaftliche Erforschung hinaus. Tatsächlich begleiten Tiere den Menschen schon seit Jahrtausenden. Nach heutigem Kenntnisstand gehörten Hunde zu den ersten domestizierten Tieren überhaupt. Forschende gehen davon aus, dass sich die Vorfahren heutiger Hunde den Lagern der Menschen näherten, um Futter zu suchen. Während Hunde den Menschen bei der Jagd unterstützten und Schutz boten, erhielten sie Nahrung, Wärme und einen sicheren Platz (Compitus, 2023).

Aus dieser zunächst praktischen Gemeinschaft entwickelte sich über viele Generationen eine enge Partnerschaft, von der beiden Seiten bis heute profitieren. Bis heute gilt diese Beziehung als einzigartig. Hunde können menschliche Emotionen und Körpersprache besonders gut lesen und reagieren häufig sensibel auf Stimmungen ihrer Bezugspersonen. Genau diese Fähigkeit macht sie auch zu wertvollen Begleitern im Alltag und in therapeutischen Einrichtungen (Compitus, 2023).

Ältere Dame mit Hund
Foto: Pexels

 

Warum Tiere uns guttun

Dass viele Menschen die Nähe ihres Haustieres als beruhigend empfinden, lässt sich inzwischen auch biologisch erklären. Beim Kontakt mit Hunden, Katzen oder anderen Haustieren schüttet der Körper unter anderem das Hormon Oxytocin aus. Dieses sogenannte Bindungs- oder Kuschelhormon vermittelt Gefühle von Nähe, Vertrauen und Geborgenheit. Gleichzeitig können Stresshormone reduziert werden.

Studien zeigen außerdem, dass Haustiere den Blutdruck positiv beeinflussen, Bewegung fördern und sich günstig auf das psychische Wohlbefinden auswirken können (Lenz, 2019).

Doch Tiere wirken nicht nur auf unseren Körper. Sie bewerten nicht, stellen keine Erwartungen und schenken Aufmerksamkeit, ohne zu urteilen. Gerade in belastenden Situationen kann genau das entlastend sein.

Gleichzeitig geben sie ihrem Menschen Verantwortung. Sie brauchen Futter, Bewegung und Zuwendung. Dadurch schaffen sie Struktur im Alltag und vermitteln das Gefühl, gebraucht zu werden, ein Aspekt, der für das seelische Wohlbefinden vieler Menschen von großer Bedeutung ist (BAGSO, 2019).

Hinzu kommt ein sozialer Effekt, der oft unterschätzt wird. Tiere bringen Menschen miteinander ins Gespräch. Auch innerhalb von Familien oder Nachbarschaften entstehen durch Haustiere häufig Begegnungen, die sonst vielleicht gar nicht stattgefunden hätten (BAGSO, 2019).

 

Warum Tiere gerade älteren Menschen helfen können

Wie stark diese positiven Effekte sein können, zeigt sich besonders im höheren Lebensalter. Dort werden Tiere inzwischen sogar gezielt eingesetzt, um Wohlbefinden und Lebensqualität zu fördern. Viele ältere Menschen erleben nach dem Eintritt in den Ruhestand oder durch gesundheitliche Einschränkungen Veränderungen im Alltag. Manche fühlen sich einsam oder vermissen feste Aufgaben. Genau hier können Tiere einen wichtigen Beitrag leisten. 

Professor Reinhold Bergler beschäftigte sich über viele Jahre mit der Mensch-Tier-Beziehung und kam zu dem Ergebnis, dass ältere Menschen mit einem Haustier häufig zufriedener mit sich selbst und ihrer Umwelt sind als Gleichaltrige ohne Tier. Tiere fördern Bewegung, geben dem Tag Struktur und lenken von Sorgen oder negativen Gedanken ab. Gleichzeitig vermitteln sie Nähe und Zuneigung. Bedürfnisse, die bis ins hohe Alter bestehen bleiben (BAGSO, 2019). Auch Professor Erhard Olbrich beschreibt Tiere deshalb als Begleiter, die ganzheitlich wirken. Sie beeinflussen nicht nur die körperliche Gesundheit, sondern ebenso die seelische und soziale Lebensqualität. Gerade ältere Menschen profitieren davon, weil Tiere nicht nur Gesellschaft leisten, sondern häufig auch Erinnerungen wecken und emotionale Sicherheit vermitteln (BAGSO, 2019).

Diese Erkenntnisse werden heute zunehmend in Pflegeeinrichtungen genutzt. Immer mehr Altenheime ermöglichen den Kontakt zu Hunden, Katzen, Kaninchen oder anderen Tieren, sei es durch tiergestützte Besuchsdienste oder durch Tiere, die dauerhaft in den Einrichtungen leben. Besonders bei Menschen mit Demenz berichten Pflegekräfte immer wieder davon, dass Tiere Zugänge schaffen, die mit Worten allein kaum noch möglich sind. Berührungen, Blickkontakt oder gemeinsames Streicheln können Erinnerungen wecken, Gespräche fördern und Ängste reduzieren (BAGSO, 2019). Natürlich ersetzt ein Tier keine Familie oder Freundschaften. Aber manchmal reicht genau diese Gesellschaft auf vier Pfoten aus, um einen Tag ein Stück heller wirken zu lassen.

Tiergestützte Therapie im Altenheim
Foto: Jsme MILA / Pexels

 

Tiere sind kein Allheilmittel

So beeindruckend viele Forschungsergebnisse auch sind, Tiere sind keine Medizin und keine Lösung für jedes Problem. Nicht jeder Mensch fühlt sich in ihrer Nähe wohl. Manche haben Allergien, Ängste oder schlicht kein Interesse an Tieren. Auch tiergestützte Angebote müssen deshalb immer freiwillig bleiben und sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren. Gleichzeitig dürfen die Bedürfnisse der Tiere selbst nicht aus dem Blick geraten. Damit tiergestützte Therapie oder Besuche tatsächlich positive Effekte erzielen, brauchen die Tiere ausreichend Ruhe, eine artgerechte Haltung und einen verantwortungsvollen Einsatz. Nur wenn es beiden Seiten gut geht, kann diese besondere Beziehung ihre Wirkung entfalten (BAGSO, 2019).

Vielleicht liegt genau darin ihre besondere Stärke. Tiere können Krankheiten nicht heilen und sie lösen auch keine Probleme. Aber sie schaffen etwas, das in unserem oft hektischen Alltag leicht verloren geht: Nähe, Aufmerksamkeit und das Gefühl, nicht allein zu sein. Vielleicht ist genau das der Grund, warum sie für viele Menschen weit mehr sind als nur Haustiere.

 

 

Quellenverzeichnis

Literatur

Compitus, K. (2023). Die Mensch-Tier-Bindung in der Praxis der klinischen Sozialarbeit. Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-031-41937-9

Onlinequellen

Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen e.V. (2019). Leben mit Tieren in Pflegeeinrichtungen – Der GERAS-Wettbewerb 2018.https://www.bagso.de/fileadmin/user_upload/bagso/06_Veroeffentlichungen/2019/BAGSO_Themenheft_Leben_mit_Tieren_in_Pflegeeinrichtungen_GERAS.pdf

Lenz, D. (2019). Haustiere machen glücklich. Forschung und Wissen. https://www.forschung-und-wissen.de/nachrichten/medizin/haustiere-machen-gluecklich-13373133

 

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